Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376177
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DIE 
NACHAHMENDEN 
KÜNSTE. 
die künstlerische Praxis daran nicht gekehrt, und insofern mit Recht, 
als wir nun einmal die äussere Erscheinung in einer unstilisierten 
Form auf die Bühne gebracht haben. Die sinnliche Wahrnehmbarkeit 
der Träger der Handlung für das Auge ist überhaupt das ausschlag- 
gebende Moment für die Entstehung der Kunstgattung des Dramas 
gewesen. Wer statt dessen die „reine Idee" zu betrachten begehrt, 
der muss wenigstens konsequent genug sein, auf die Bühnenerschei- 
nung ganz zu verzichten und sich in die blosse Lektüre zurückzuziehen. 
Allein für diese müsste die Darstellung technisch verändert werden, 
und diese Veränderung würde mit logischer Konsequenz zum Epos 
oder Roman führen. I) 
Von der blossen vollständigen Realisierung der Er- 
scheinung einer Begebenheit muss nunmehr das Zusammen- 
wirken verschiedener Kunstarten unterschieden werden. 
Der letztere Fall liegt vor, wenn jede der beteiligten Künste auf 
Hervorkehrung des ihr eigentümlichen Gebiets der Schönheit ausgeht. 
den meisten Neueren, die naturalistische Erscheinung des Dramas 
einigung der bildenden Künste und des Dramas verwechselt. 
einer 
Ver- 
1) Ich glaube, dass Niemand mit einiger Aussicht auf Erfolg wird bestreiten 
können, dass wir im Wesentlichen vollkommen mit Aristoteles übereinstimmen. 
Sollte er aber der äusseren Erscheinung eine geringere Bedeutung zuerkannt haben, 
als wir, so hätte dies darin, dass ihm ein völlig Stereotyp stilisiertes und kein histo- 
risches noch sonstwie naturalistisches Drama vorlag, seinen guten Grund. Nach 
dieser Richtung hin bedürfen die Ausführungen des Stagiriten naturgemäss für uns 
einer Ergänzung, während es nicht die Aufgabe dieses Buches ist, dasjenige, was er 
über Inhalt und Wirkung des Dramas festgestellt hat, aufs Neue zu kommentieren. 
 In einem bekannten Dialog unterscheidet Goethe zwischen der "Wahrheit" 
und der "Wahrscheinlichkeit" der dramatischen Kunstwerke. Der Ausdruck ist 
schlecht gewählt. Goethe kommt zxrar von der Sache ab, aber man wird doch an- 
nehmen dürfen, dass ihm bei dem YVort "Vllahrheit" zuerst die innere Wahrheit der 
Handlung bezw. der Verknüpfung der Begebenheiten und Thatsachen, bei dem Wort 
"Wahrscheinlichkeit" aber die naturalistische Illusion vorschwebte. Die "Wahr- 
scheinlichkeit" eines Kunstwerks ist jedoch ein mit der "Wahrheit" desselben zu- 
sammengehöriger Begriff, es kann darunter nur ein Gradunterschied mit Bezug auf die 
Wahrheit des Dargestellten gegenüber dem urteilenden Subjekt verstanden werden,wie 
wir denselben in der Anmerkung auf S. 105 bemerkt haben, aber nicht ein anderer 
Bestandteil des Dargestellten, wie es die äussere Erscheinung im Verhältnis zum 
dramatischen Zusammenhang ist. Goethe hätte also seine Frage besser dahin for- 
muliert, wie sich die Wahrheit oder XVahrscheinlichkeit der äusseren Erscheinung 
der Kunstwerke zu ihrer inneren Wahrheit oder WVahrscheinlichkeit verhalte. Aber 
man hätte dann deutlicher gesehen, dass er keine Antwort auf sie giebt, wie dies 
auch der "Zuschauer" dem „Anwalt des Künstlers," nachdem er mit allerhand geist- 
reichen Bemerkungen abgespeist worden, am Schlusse ganz richtig bemerkt.
        

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