Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376148
DRAMA 
UND 
DICHTKUNST. 
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Voraussetzung bilden, in welcher es spielt, so wird auch die passende 
historische Erscheinung gefordert werden können, da dieselbe dem 
Drama das Zeitkolorit giebt. Wollte man z. B. den Lohengrin in 
antikgriechischem Kostüm geben, so wäre dies ganz abgeschmackt, 
weil wesentliche Voraussetzungen der Fabel nur in der Zeit des ger- 
manischen Ritterwesens denkbar sind. 
Indessen kommt es doch nur darauf an, dass überhaupt ein be- 
stimmtes mittelalterliches Kostüm gewählt ist, während das Jahrhundert, 
welchem es angehört, ziemlich gleichgültig ist. Was verschlägt es, 
ob wir die Jungfrau von Orleans in einem Kostüm des I4. oder des 
I5. Jahrhunderts aufführen? Die meisten wissen gar nicht, welchem 
Jahrhundert sie angehört, und die es wissen, kennen das Kostüm 
nicht; zur Idee aber gehört nur ein mittelalterliches Kolorit und nicht 
dasjenige eines bestimmten Jahrhunderts. NVarum also unserer Phan- 
tasie zumuten, dass sie sich den Wunderlichkeiten jener Zeit anbequeme, 
und dem Schauspieler, dass er über Schnabelschuhe stolpere? Viele 
Dramen, und zwar auch historische, beschäftigen uns so vorwiegend 
mit ewig menschlichen Ideen, dass die Bedeutung des Zeitkoloritszu- 
rücktritt. Dagegen spricht für die historische Treue der Umstand, 
dass Einheitlichkeit auch des nichtstilisierten Kostüms in jedem Fall 
gefordert werden kann,  welche durch die echte Gestalt am besten 
gewährleistet wird, und dass ferner alles Erscheinende, was nicht histo- 
risch ist, gewöhnlich den Eindruck innerer Unwahrheit und praktischer 
Unmöglichkeit macht, auch ohne dass wir die echte Gestalt kennen, 
während die letztere das Zustandekommen der Idee durch ihre Wahr- 
scheinlichkeit und ihr kernhaftes Wesen unterstützt. 
Auf gewisse andere Eigenschaften des Kostüms kommt es da.- 
gegen durchaus und unter allen Umständen an, nämlich auf diejenigen, 
welche durch den Charakter des Menschen bedingt sind, welcher das- 
selbe trägt. Denn hier steht das Kostüm unmittelbar im Kausalnexus 
des Dramas. Wenn es also mehr oder weniger nebensächlich ist," ob 
die Färbung der Gewänder der Adelheid in Goethe's Götz von Ber- 
lichingen der Rococozeit angehört, so ist es doch durchaus not- 
wendig, dass sie in der grössten Üppigkeit und Pracht erscheinen. 
Denn dies liegt im Charakter der Person. Nicht so sehr, weil sie nicht 
historisch, als weil sie nicht heldenhaft sind, stellen die Gewänder, in 
welchen man die Recken der Shakespeardschen Historien mitunter 
noch auftreten sehen kann, die Charaktere auf Schritt und Tritt in 
Frage. Dem Shakespearäschen Publikum, das noch unter Harnischen 
aufgewachsen war, dürfte ein derartiger Anblick kaum geboten worden 
sein. Der lächerliche Theatertand der verflossenen Opernritter war 
Alt, System der Künste. 9
        

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