Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376135
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DIE 
NACHAHMEND EN 
KÜNSTE. 
wird, was zwar mit natürlicher Notwendigkeit geschieht, aber im Hin- 
blick auf die Idee ganz gleichgültig ist. 
Wir haben schon im allgemeinen Teil gesagt, dass sich nicht ein 
für allemal sagen lässt, diese oder jene Bestandteile der äusseren Er- 
scheinung hingen mehr oder weniger unmittelbar mit dem eigentlichen 
Gegenstand der Darstellung zusammen. Immerhin können wir jedoch 
in dieser Richtung einiges feststellen, insbesondere bezüglich der histo- 
rischen Wahrheit der Erscheinung.  
Zur Handlung, und deshalb zum Gegenstand des Dramas, gehören 
nur solche Thatsachen, welche mit derselben, wenn auch nur irgend- 
wie, in einem ursächlichen Zusammenhang stehen. Wenn nun für 
das Drama die Verhältnisse gerade derjenigen Zeit eine notwendige 
Wagners "Oper und Drama" S. 9). Allein Lepsius verwirft diese Ansicht WVagners 
in offenbarer Inkonsequenz. Seine Ausführungen darüber, dass Goethe und unter 
dem Druck von dessen Autorität auch Schiller, das Drama von seinem natürlichen 
Boden, der Schau-Bühne, weggedrängt und als ein Werk der in der blossen Ein- 
bildungskraft wirkenden Poesie behandelt und dadurch geschädigt haben, sind 
vorzüglich und durchaus überzeugend; aber die auf Auslassungen jener Dichter 
gestützte Behauptung, dass die Verbindung des Dramas mit der Poesie oder Musik 
eine "Abstraktion von allem Individuellen" und eine Verallgemeinerung des In- 
halts des Dramas selbst notwendig bedinge, ist völlig unstichhaltig. Jene Aus- 
lassungen beweisen höchstens das Verhalten der Meister, von welchen sie her- 
rühren, aber auch dafür sind sie nicht ganz dienlich, weil vielfach unklar und 
stark theoretisch gefärbt. Shakespeare hat gleich jenen Dichtern in Iamben und 
Reimen und in durchaus poetischer Sprache mit starker Inanspruchnahme der Ein- 
bildungskraft gedichtet, und doch war er durchaus konkret und echt dramatisch; 
auch R. Wagner hat sich, wie Lepsius selbst zugiebt, als ein echter Dramatiker 
erwiesen, trotz des "Gesamtkunstwerks." 
Lepsius' Intention geht auf ein "reines Drama," ohne "Poesie," ohne Musik, 
ohne Dekorationen; allein schon sein Gewährsmann Delius, der genaue Kenner der 
Shakespearebühne, kam zu dem Schluss, dass unserm an die Gesamterscheinung 
gewöhnten Publikum diese Abstraktion nicht zugemutet werden könne. Lepsius' In- 
konsequenz haben wir dargethan. E12 verwirft das Gesamtkunstwerk R. Wagners, 
welches er als ilnmittelbar an das poetische Drama Goethes und Schillers sich an- 
schliessend bezeichnet. Darin konnte ihm der Wagnerianer Schön natürlich nicht 
folgen, während dieser merkwürdigerweise seinerseits gleichfalls ein dekorationsloses 
Theater anstrebte. Schön hoFfte den inneren Widerspruch zu beseitigen, indem er 
für das Musikdrama eine andere äussere Erscheinung beansprucht, als für das 
Drama, und indem er beide als total verschiedene Kunstarten bezeichnet, jedoch 
ohne einen genügenden Grund beizubringen. Die Lösung der ganzen Frage, welche 
in der künstlerischen Praxis ihre volle Bestätigung findet, geben wir im Text: wir 
erkennen an, dass das Drama auf seinem Boden ein eigenes Ziel verfolgt, welchem 
aber andere Kunstarten dienen können oder müssen, eben weil diese Knnstform 
sich an die Totalität unserer Wahrnehmungsthätigkeit richtet, gleich wie das wirk- 
liche Leben.
        

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