Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374877
EINLEITUNG. 
Man muss bei der Einteilung der Künste vielmehr von den That- 
sachen ausgehen, welche erfahrungsgemäss die Existenz derselben ver- 
anlasst haben. Eine solche Thatsache ist in erster Linie die Nach- 
des Dichters unkomponiert hervorgehen, oder wenn man die Unzulässigkeit jeder 
andern Arbeitsteilung bei Herstellung von Kunstwerken behaupten wollte. Auch die 
Bildgiesserei wäre dort ausgeschlossen. Darin bestätigt sich, dass ein Begriff uns 
über die Thatsachen, denen er abgezogen ist und also seine Existenz erst verdankt, 
nicht weiter belehren kann. Die einzelnen Kunstarten aber beruhen mehrfach auf 
dem zufälligen Gegebensein verschiedener Möglichkeiten der Darstellung, und es ist 
keineswegs, wie die philosophische Ästhetik bisweilen angenommen zu haben 
scheint, ein nach Zahl und Eigentümlichkeiten symmetrisches System für sie im 
Geiste begründet. 
Bei Carriere (Ästhetik, Leipzig 1835, 3. Aufl. I, S. 620 ff.) Findet sich eine Zu- 
sammenstellung der hauptsächlichsten Systeme. Griindlicher und erschöpfender 
behandelt sie E. v. Hartmann (in: "Die deutsche Ästhetik seit Kant, Erster historisch- 
kritischer Teil der Ästhetik", Berlin 1886,  524  so dass es als überflüssig 
erscheint, hier nochmals eine historische Übersicht zu geben. Es sei jedoch eines 
derselben als Beispiel herausgegriffen; und zwar wähle ich dasjenige von Fr. Vischer, 
teils weil bei ihm die Eigentiimlichkeiten der philosophischen Behandlungsweise 
besonders scharf ausgeprägt sind, teils weil sich die Vischefsche "Ästhetik" vielleicht 
mehr wegen ihres Umfanges als wegen ihres Inhaltes immer noch des grössten An- 
sehens erfreut. Des Verfassers Selbstkritik hat daran und an seinem hierauf begrün- 
deten Ruhme nicht das Mindeste geändert. Vischer unterscheidet in dem ganzen 
Bereich der „subjektiven Wirklichkeit des Schönen oder der Kunst" die einzelnen 
Künste nach dem "Gesetz der Diremtion des Subjektiven und Objektiven und ihrer 
Zusammenfassung im Subjektiv-Objektiven" und findet die objektive Kunstform in 
den bildenden Künsten (Architektur, Plastik und Malerei), die subjektive Kunstform 
in der Musik und die subjektiv-objektive in der Dichtkunst (Epos, Lyrik und Dra- 
matik). Erwägt man, dass sich sodann in der Dichtkunst bei der Objektivität des 
Epos, der Subjektivität der Lyrik und der Subjektiv-Objektivität des Dramas die 
ganze Einteilung nochmals wiederholt (Vischer a. a. O. S 863), so genügt dies, um 
den Wert dieses Systems  bei allem schuldigen Respekt vor der darin nieder- 
gelegten Arbeit und Gelehrsamkeit- einigermassen in Frage zu stellen. Wenn die 
Dichtkunst überhaupt subjektiv-objektiv ist, wie kann dann die Lyrik noch subjektiv 
sein? Und wenn die Lyrik subjektiv ist, warum tritt sie nicht neben die Musik? 
Beide sind gleichartig subjektiv, insofern sie wesentlich subjektive Empfindungen zur 
Darstellung bringen. Andere haben mit mehr Recht Architektur und Musik zusammen- 
gestellt, indem sie davon ausgingen, dass bei diesen Künsten der Gegenstand der 
Darstellung ganz vom menschlichen Geiste geliefert werde. So Aristoxenos, ein 
Schüler des Aristoteles (vergl. Westphal, die Musik des griechischen Altertums, 
Leipzig 1883, S. 14 FR). Wieder von anderer Seite wurden Malerei und Poesie als 
"subjektiv-objektive Künste" der "objektiven" Plastik entgegengesetzt. Allein jede 
Kunst ist objektiv, weil alle ihre Erzeugnisse als objektive ErSChCinungen vor 
uns stehen; jede Kunst kann subjektiv sein, insofern diese Erzeugnisse die 
Träger einer subjektiven Stimmung sein können, nicht weniger in der Plastik als in 
der Malerei; und jede Kunst ist subjektiv-objektiv, insofern ihre Werke 
stets auch subjektiv nachgeschaffen und mitempfunden sein wollen.
        

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