Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376111
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DIE 
NACHAHMENDEN 
KÜNSTE. 
spearesche Technik des Dramas annahm, während man auf die räum- 
liche Umgebung nicht verzichtete, so musste die Bühneneinrichtung 
den Vorgängen folgen, im Gegensatz zum griechischen Drama, wel- 
ches der Bühneneinrichtung gefolgt war. Durch "die Hülfe der tech- 
nischen Wissenschaften ist dies ermöglicht und damit das Drama 
wieder gleich dem griechischen (und spanischen) zur Nachahmung 
einer Begebenheit in der Totalität ihrer Erscheinung gemacht worden. 
Man wird nunmehr nicht bestreiten können, dass der Phantasie, so- 
lange nur die Einheit der Handlung gewahrt ist, bei Anwendung eines 
Zwischenvorhangs auch gegenüber der objektiven Raumerscheinung 
die Sprünge zugemutet werden können und dürfen, welche ihr schon 
im Shakespeardrama zugemutet worden sind?) Es kommt nur darauf 
I) Der Phantasie wird die Überbrückung bezw. Nichtbeachtung des örtlichen 
oder zeitlichen Zivischenraumes in gleicher Weise zugemutet, 0b ihr ein vollkom- 
menes Substrat für die Vorstellung der Örtlichkeit objektiv gegeben ist, oder ob sie 
diese selbst erzeugt  man müsste denn gerade behaupten, sie dürfe sich die Szenerie 
garnicht vorstellen, wenn das objektive Bild davon absieht. Diese Behauptung ist 
jedoch meines XVissens bis jetzt nicht gewagt worden, und es steht auch in nieman- 
des Macht, die Einbildungskraft der Zuschauer so einzuschränken. Wenn daher 
z. B. Johannes Lepsius (s. bei Schön a. a. O. S. 57) für die Vorzüglichkeit der 
Shakespeare-Bühne den ersten Akt des "Hamlet" anführt, so beweist er im Gegen- 
teil, dass es einer daran nicht gewöhnten Phantasie sehr schwer sein musste, sich 
vorzustellen, der gleiche Platz, wo vorhin das Innere des Palastes zu denken war 
und die Staatssitzung stattfand, sei jetzt der "abgelegene" Teil der Terrasse, wo der 
Geist verschwindet. Ich gebe aber zu, dass das Shakespearäsche Drama für eine 
solche Bühne erdacht wurde und dass im allgemeinen von einem Kunstwerk nur 
unter denjenigen Bedingungen mit Sicherheit eine tadellose Wirkung erwartet werden 
kann, auf welche es eingerichtet ist. Aus Gründen der Bühnentechnik mag es sich 
immerhin empfehlen, einen allzuhäufigen Szenenwechsel im modernen Drama zu 
vermeiden, und innerhalb der Akte ist dies überhaupt wünschenswert. Aber einem 
modernen Publikum kann man nicht zumuten, dass es ohne Not aus der Armut eine 
Tugend mache und auf die Darstellung der Örtlichkeit verzichte. Schiller hat 
sich, wie aus seinem fingirten Brief vom 15. Januar 1782 an das "Würtembergische 
Repertorium der Literatur" hervorgeht, über die schöne, angemessene Bühnenaus- 
stammg seiner "Räuber", über den Mond, der sein "natürliches, schreckliches Licht 
in der Gegend verbreitete," recht herzlich gefreut, und ein Dalberg war es, der 
für dieSö Ausstattung gesOrgt hatte. Aber Dalberg's Verständnis des rein Drama- 
tischen war nicht geringer 1115 dasjenige Lessings. (Vergl. E. Hermann, „Das Mann- 
heimer Theater vor 100 Jahren," Mannheim 1886). 
Lepsius (vergl. "Schauspiel und Bühne," Beiträge zur Erkenntnis der drama- 
tischen Kunst, von Ich. Lepsius und Ludwig Traube, München 1880, jetzt bei 
Behrens 82 Hoffmann), hat sich in seiner bemerkenswerten Arbeit über das Verhältnis von 
Poesie und dramatischer Kunst dahin ausgesprochen, dass das Wesen dieser beiden 
Künste ein verschiedenes sei. Er sagt (zweites Heft S. 35): "Die Musik schafft für
        

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