Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376104
DRAMA 
UND 
DICHTKUNST. 
125 
Andersbei Shakespeare. Dieser fand ein Theater vor, welches 
auf die Darstellung der räumlichen Umgebung nahezu verzichtete I), 
während freilich auf das Kostüm der Darsteller hoher Wert gelegt 
wurde. Kein geringerer als Inigo Jones, der die Renaissance-Bau- 
kunst nach England brachte, zeichnete die Kostüme zu Shakespeares 
Dramen, deren angemessene Herstellung man sich ziemliche Beträge 
kosten liessß) Diese Thatsache lässt die Beweisführung der Aus- 
stattungsfeinde, soweit sie sich auf das Shakespearetheater berufen, 
als bedenklich erscheinen. Die Abstraktion von der Örtlichkeit 
jedoch, welche hier stattfand, beseitigte die Schwierigkeiten, welche im 
Vorhandensein der räumlichen Umgebung liegen. Shakespeare war 
also an einem Punkte nicht gebunden, wo das antike Drama in starren 
Fesseln lag. Seine völlige Rücksichtslosigkeit in Anwendung des 
Szenenwechsels war die berechtigte Folge dieser Erscheinung. Die 
Bühne Calderons war anders beschaffen, entsprechend dem Umstand, 
dass das spanische Volk damals auch in den bildenden nachahmen- 
den Künsten das Höchste leistete, das englische dagegen nichts. 
Calderon giebt weitgehende szenarische Vorschriften, welche sicher- 
lich von tüchtigen Künstlern zur Ausführung gebracht wurden. 
Das Shakespearesche Theater stellt aber noch nicht die dürftigste 
Form der äusseren Ausstattung dar, welche möglich ist: auf dem 
Theater der Neuberin erschienen die Helden Roms und Griechenlands 
in der Tracht der Gegenwart des I8. Jahrhunderts; denkt man sich 
noch hinzu, dass auf jede Wiedergabe der räumlichen Umgebung ver- 
zichtet Wurde, so hat man die Form einer blossen mimischen Rezi- 
tation. Zum Drama verhält sich dieselbe wie der Kupferstich zum 
Ölbild; sie musste ebenso einer konzentrierten Beachtung des Poetischen 
und der Virtuosität des Schauspielers zu statten kommen, wie ein 
Karton der Beachtung der blossen Zeichnung. Aber man sage nicht: 
„des Dramatischen"; denn in vielen Fällen musste die objektive Dar- 
stellung derselben mangelhaft sein. Diese Form ist in Wirklichkeit 
auch noch nicht die letzte Konsequenz der ausstattungsfeindlichen Auf- 
fassung des Dramas; dieselbe ist vielmehr in der blossen Lektüre des 
Buches zu erblicken. 
der 
Die moderne Bühne hat sich den Beschränkungen der antiken wie 
Shakespeafschen Bühne entzogen. Wenn man also die Shake- 
I) Vergl. Delius, "Über das englische Theaterwesen 
Bremen 1853, S. 9 f. Gervinus a. a. O. I, S. 156. 
2) Vergl. Ulrici, "Shakespeares dramatische Kunst." 
Gervinus a. a. O. I, S. 155. 
zu Shakespeares Zeit." 
Leipzig 1847, S. xoo.
        

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