Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376058
I2O 
DIE 
NACHAHMENDEN 
KÜNSTE. 
Damit haben wir den Standpunkt eingenommen, von welchem 
allein aus sich gewisse vielumstrittene Fragen der dramatischen Dar- 
stellung befriedigend lösen lassen. Gleich Aristoteles sehen wir das 
Unterscheidende des Dramas darin, dass es "Nachahmung einer 
Handlung durch gegenwärtig handelnde Personen und nicht 
durch Erzählung" ist. Mit diesem Kunstwerk haben wir uns zu- 
nächst zu beschäftigen, während die Frage nach einem Gesamtkunst- 
Werk derart, dass jede der beteiligten Künste auf Wirkung durch das 
ihr eigentümliche Schöne ausgeht, vorläuüg dahingestellt bleiben soll. 
In den beiden Anschauungsformen des Raums und der Zeit können 
ausser dem Drama noch spielen bewegliche lebende Bilder: Panto- 
mimen, Ballet; das sog. Ausstattungsstück ist als eine Folge von 
räumlichen Bildern mit verbindender Handlung aufzufassen. Auf 
welchen von diesen Gegenständen es abgesehen ist, muss aus dem 
Kunstwerk selbst hervorgehen. Im Drama ruht jedoch, obgleich 
die Erscheinung im Raum ausschlaggebend für den Bestand dieser 
Kunstart ist, die innere Einheit in allen Fällen allein in dem 
ursächlichen Zusammenhang des Verlaufs der Handlung bis 
zur Erzielung des Schlussresultats, d. h. im Schauspiel der Lösung 
der Verwicklung, im Trauerspiel der Vernichtung des Helden bei Un- 
möglichkeit einer andern Lösung. Das ist also der einheitliche Gegen- 
stand, die Idee, des Dramas und dasjenige, was im Drama "Hand- 
lung" genannt werden muss. Darauf, dass viel geschieht, kommt nichts 
an, wohl aber darauf, dass, was geschieht, zu möglichst aktueller Er- 
scheinung gelangt. Hierin beruht das „Dramatische", im Gegen- 
satz zur Erzählung. 1) 
Die Dichtkunst wirkt in der blossen Phantasie; anders die dra- 
matische Kunst. Die Behauptung, dass das Drama eine Kombination 
von epischer und lyrischer Dichtkunst sei, ist eine irreführende. Es 
ist entschieden richtiger, das Drama als aus darstellenden Tänzen, 
Orchestik und Mimik (Pantomimen), entstanden zu betrachten, welche, 
obgleich dabei der Gang der Handlung auch durch Chorgesang episch 
I) Der richtige Dramatiker wird daher mit Vorliebe dasjenige darstellen, was 
gerade durch sein Geschehen einen starken Eindruck hervorbringt. So ist z. B. 
Wagneßs "Götterdämmerung" eminent dramatisch. Das dramatische der Begeben. 
heiter; genügt freilich nOCh niChf, um ein Drama zu einem guten zu machen; dazu 
gehört vielmehr noch, dass sie ein entsprechendes Glied des Sachzilsammenhangs 
des ganzen Stückes bilden. KICiSVS "Hermannsschlacht" ist in den einzelnen Szenen 
sehr dramatisch, während die Handlung in ihrem Zusammenhang kein Interesse 
erweckt, indem keine wahre Verwicklung und Lösung derselben stattfindet.
        

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