Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376048
DRAMA 
UND 
DICHTKUNST. 
Die Dichtkunst hat, im Gegensatz zur bildenden, einen unver- 
meidlichen konstitutionellen Mangel, welcher sich jedoch nur- beim 
Fehlen des notwendigen Masses von eigener Einbildungskraft auf Seite 
der Hörer oder Leser geltend macht: dass sie nämlich die Körper 
nicht zeigen kann, deren Beschaffenheit doch unter Umständen als 
Motiv von erzählten Begebenheiten oder subjektiven Stimmungen von 
ganz wesentlicher Bedeutung sein wird. Deshalb tritt mit ihr die 
bildende Kunst in Form der Illustration in Verbindung. Auch 
hier liegt keine Vereinigung von Künsten vor, sondern nur ein Alter- 
nieren von Kunstgenüssen, dessen Berechtigung in der objektiven 
Möglichkeit, die Lektüre zu unterbrechen, begründet ist. Gegenüber 
der reinsten Dichtkunst, der Lyrik, welche sich unmittelbar mit körper- 
lichen Erscheinungen überhaupt nicht beschäftigt, ist die Illustration 
in weit misslicherer Lage als gegenüber der Epik, ja sie ist in vielen 
Fällen geradezu unmöglich. Daraus erklärt sich die Thatsache, dass 
sie dort gewöhnlich verunglückt. Man denke sich z. B. Illustrationen 
zu Heineschen Gedichten. 
Die Schranke, welche die Dichtkunst von den körperlichen Er- 
scheinungen trennt, ist für sie selbst ebenso unübersteiglich, wie für 
die bildenden Künste. Hier, in dem Verhältnis der Künste zur Apper- 
zeptionsthätigkeit, liegt also auch ein wirklich umfassendes Einteilungs- 
prinzip für sie. Soll die letzte Kluft verschlossen und das ganze 
menschliche Sein, das Leben und Treiben zu objektiver Kunstexistenz 
gebracht werden, so giebt es dazu nur einen Weg: man setzt an Stelle 
der sonst von den bildenden Künsten vorgestellten lebendigen Gegen- 
stände wirkliche Individuen in einer wirklichen Umgebung, bez. in 
einer nachgeahmten, welche als wirkliche scheint. Damit sind wir bei 
der Kunstart des Dramas angelangt. Das Drama ist diejenige 
Kunst, welche Handlungen in ihrer Totalerscheinung in 
Raum und Zeit nachahmt. Wir fassen damit auch das Drama 
nicht auf als eine Verbindung verschiedener Künste, sondern lediglich 
als die objektive Realisierung eines Bildes in allen denkbaren Bezieh- 
ungen der Erscheinung, welcher auf subjektiver Seite eine gleichzeitige 
Thätigkeit der beiden ästhetischen Sinne und des Geistes entspricht. 
Die räumliche Erscheinung muss freilich zum Teil durch bildende 
Künstler hergestellt werden; allein hier handelt es sich doch nur um 
Realisierung des Dramas.  
        

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