Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376017
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DIE 
NACHAHMENDEN 
KÜNSTE. 
Der einzige diskutable Einwand gegen die Polychromierung der 
Bildwerke Wäre derjenige, dass es der Plastik nur auf das „plastisch 
Schöne" anzukommen habe; wir haben denselben jedoch bereits wider- 
legt: nicht das plastisch Schöne ist Gegenstand der Darstellung, 
sondern mögliche Erscheinungen der wirklichen Welt durch Plastik 
und daher auch mit besonderer Absicht auf das plastisch, oder, um 
jeden Zweifel auszuschliessen, auf das organisch Schöne der Körper. 
Es ist die Ansicht ausgesprochen worden, dass jedenfalls schon bei 
der bildnerischen Thätigkeit berücksichtigt werden müsse, ob man das 
herzustellende Bildwerk bemalen wolle oder nicht. Indessen berühren 
sich bei tadelloser Behandlung des Plastischen Farbe und Form gegen- 
seitig überhaupt nicht, Wenigstens im Prinzip. Dies beweisen die Bild- 
werke der Griechen, welche auch in monochromem Zustande durch- 
schnittlich tadelfreie plastische Leistungen sind, während sie doch 
durchaus zur Färbung bestimmt und gefärbt waren. jedes ästhetische 
Urteil über Farbe oder Form bleibt notwendig im Gebiet desjenigen 
von beiden Faktoren, auf welchen es sich bezieht. Man kennt nun 
aber eine "malerische" Behandlung der Bildwerke, welche das eigent- 
lich unterscheidende Merkmal derjenigen Richtung in der Skulptur ist, 
welche man jetzt gewöhnlich mit dem Namen des "Naturalismus" be- 
zeichnet. Diese offenbare Stilwidrigkeit verträgt sich nicht mit der 
ausserordentlich viel stärkerem Masse vorhanden, als schon bei einer getönten, ge- 
schweige denn als bei einer naturalistisch bemalten Statue. Wenn letzterenfalls noch 
etwas auf die Differenz ankäme, so könnte man auch keine Tafelbilder malen. 
Hartmann dreht hier den Sachverhalt ebenso um, wie Vischer dies thut, wenn er 
z. B. behauptet, das aus Glas, Onyx etc. hergestellte Auge der antiken Statuen habe 
nicht den konzentrirten Glanz, wie das menschliche. Erstens ist dies nicht der 
Fall, und zweitens käme es nicht nach der entscheidenden Richtung hin in Betracht. 
Auch die Ansicht, dass „bei blosser Tönung der eigentliche Begriff der Verbindung 
von Künsten aufhöre," ist wertlos, weil dies bei einer naturalistischen Bemalung 
nicht minder der Fall ist; hier steht nur ein geringeres Mass von Negation 
der Realität des Bilds in Frage, als bei der Monochromie. Ohne Zweifel ist 
richtig, dass die Polychromie wenigstens die Auffassung der abstrakten Form er- 
leichtern würde, wenn sie auch nicht zum realistischen Inkarnat übergeht (Fechner, 
v. Hartmann). Eine polychrome Skulptur würde sicherlich populärer sein, als es die 
monochrome ist. Die Anschauung eines Kupferstichs ist eine weniger einfache, als 
diejenige eines Gemäldes. Es war aber eine Ungenauigkeit, wenn ich in der zit. 
Abhandlung (S. 50) sagte, die Polychromie der Skulptur sei im Prinzip des Realismus 
begründet. Denn dieses Prinzip hat es zu thun mit dem Zustandekommen der Er- 
Scheinung in ihrem ideellen Schwerpunkt, welchem das Inkarnat des Körpers in 
vielen Fällen verhältnismässig fern steht. Die Polychromie ist vielmehr begründet 
in der nachahmenden Natur der Kunst, aus welcher freilich auch das Prinzip des 
Realismus hervorgeht.
        

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