Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376006
DIE 
BILDENDEN 
N ACHAH MENDEN 
KÜNSTE. 
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nicht verletzt; denn die Skulptur, als stereotomische Kunst, ist mass- 
gebend nur für die formelle Einheit des Körperlichen, und die Farbe ist 
entweder nicht stofflich wirksam, oder ihre formelle Eigentümlichkeit 
läuft derjenigen der Skulptur parallel, entweder über den ganzen 
Körper hin oder in systematischer Anordnung. Nicht blos die Antike 
färbte die edelsten Metalle zu Gunsten einer natürlicheren Erscheinung; 
der Lüneburger Silberschatz (vergl. den Katalog des Berliner Kunst- 
gewerbernuseums, Schrank 377, Nr. I) enthält z. B. eine aus Silber 
getriebene Madonna des I5. Jahrhunderts, wo nur am Gewand dieses 
Material sichtbar ist, alle F leischteile dagegen und das getriebene Jesus- 
kind ganz bemalt sind. Von der Eigentümlichkeit der Materialbehand- 
lung geht durch eine zweckmässige Färbung nichts verloren. 
Nach unsern Ausführungen im allgemeinen Teil wird die Idealität 
der Kunstwerke durch die mehr oder weniger naturalistische Erschei- 
nung des Dargestellten streng genommen überhaupt nicht berührt. 
Wenn man sich dies recht vergegenwärtigt, so verliert der ganze Streit 
um die Farbe sein eigentliches Interesse. Ich für meine Person bin 
infolge der schärferen Bestimmung dieses Verhältnisses sogar gegen die 
Frage ziemlich gleichgültig geworden, ob die Bemalung nur mit Lasuren 
oder auch mit Deckfarben bewerkstelligt werden dürfe. I) Indessen 
ist eine wahrhaft künstlerische NVirkung mit Deckfarben schwerer zu 
erzielen, als mit Lasurfarben. llVas die in letzter Zeit namentlich auf 
dem Gebiete des Kunsthandwerks häufiger auftretenden praktischen, 
Versuche anbelangt, so sind dieselben bedauerlicherweise meist sehr 
ungenügend ausgefallen, weil man dabei über ein unsicheres Tasten 
nicht hinausgekommen ist und zwischen Zaghaftigkeit und Roheit hin- 
und herschwankt?) 
I) Herr Dr. Trendelenburg hat sich bemüht, bei seinen Lesern den Glauben zu er- 
wecken, dass ich in der zit. Schrift eine durchgängige Bemalung der antiken Skulp- 
turen mit Deckfarben angenommen habe. Diese Behauptung war unwahr. Ich darf 
vielleicht hoffen, dass der soeben ausgesprochene Satz nicht entstellt wird. 
2) YVas v. Hartmann Neues zur Bekämpfung der Polychromie der Skulptur 
verbringt, ist hiefür ebenso undienlich, wie alles andere, was gegen dieselbe schon 
angeführt worden ist. Er sagt, das Kunstmaterial stehe in einem anderen Verhältnis 
von Absorption, Refiexion und Dispersion des Lichts, als das natürliche, was sich 
in Beschattung und Farbe äussere. Ich durfte in der zitierten Arbeit (S. 53 Anm.) 
aus dieser an und für sich geringfügigen Thatsache gerade den umgekehrten SChluss 
ziehen. Denn gegen die Polychromie ist dies kein Grund, wegen der formellen 
Einheitlichkeit einer etwaigen negativen Qualität der Farbe; wohl aber für sie, weil 
wir den geringeren Formunterschied, welcher infolge des Farbunterschieds auftritt, 
naturgemäss dem stärkeren vorziehen müssten, selbst wenn wir nur die reine 
Form sehen wollten! Dieser Unterschied aber ist bei einer weissen Statue in 
3a:
        

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