Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375948
DIE 
BILDENDEN 
NACHAHMENDEN 
KÜNSTE. 
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DIE 
BILDENDEN 
NACHAHMENDEN 
KÜNSTE. 
Skulptur und Malerei ahmen beide räumliche Erscheinungen 
nach, sind aber insofern verschieden, als die erstere die Körper des 
Raumes darstellt ohne deren Erscheinungsbedingungen, insbesondere 
die Lichtquelle, zu fixieren, letztere dagegen die Körper samt dem 
Raum, in welchem sie erscheinen, in gegebener Abgrenzung wieder- 
giebt. Die Antike bediente sich zumeist und anfangs ausschliesslich 
der Skulptur, wir mehr der Malerei. Dass letztere auf einer 
Fläche nachahmt, während die Plastik räumliche Körper 
erstellt, macht im Resultat keinen irgend erheblichen 
Unterschiedf) In beiden Fällen ist es möglich, von der Farbe zu 
abstrahieren (monochrome Plastik und Malerei „Grau in Grau"). In 
idealistischer Hinsicht unterscheiden sich beide Künste dadurch, dass 
die eine mehr zur Darstellung des plastisch Schönen, die andre mehr 
zur Darstellung des malerisch Schönen geeignet ist und, nach dem 
qualitativen Stilgesetz, benutzt werden soll. Dies hindert jedoch weder 
im einen noch im andern Fall die gleichzeitige Betrachtung von Form 
und Farbe, auch nicht die gleichzeitige Betrachtung des plastisch und 
farbig Schönen. Die entgegenstehende Behauptung ist eine willkür- 
liche und würde dahin führen, dass die Gemälde Rafaels verworfen 
werden müssten, weil sie entschieden mehr durch die plastische 
Schönheit der Gestalten als durch die Schönheit der Färbung wirken. 
Prinzipiell sind Malerei und Skulptur lediglich zweierlei Mittel zur 
1) Dies hat unter den philosophischen Ästhetikern Schleiermacher einge- 
sehen (vergl. "Ästh." S. 136 und 153); jedoch wiederholt er die unglückliche Idee 
Herders, dass es ein besonderes „tastendes Sehen" gebe. Rumohr erblickte keinen 
wesentlichen Unterschied in der Nachahmung von Körpern durch Skulptur und durch 
Malerei. Es könnte die Frage aufgeworfen werden, ob nicht der Eindruck farbiger 
Bildwerke samt ihrem Hintergrund von einem gemalten Bilde desselben Inhalts 
wenigstens infolge des stereoskopischen Sehens verschieden sei; bis jetzt ist dies 
meines Wissens nicht geschehen. Abgesehen hiervon wird das Bildwerk sogut wie 
das Gemälde als Fläche angeschaut und ist die Statue nur ein drehbares Bild. Man 
kann es aber dahingestellt sein lassen, wie die Physiologie diese Frage beantwortet, 
ob sie es für unmöglich oder für möglich erklärt, dass beim binokularen Sehen der 
Maler durch die Behandlung des Konturs volle Plastizität erreiche  wie er wenig- 
stens beabsichtigt  denn es kommt eben darauf gar nicht an, sondern, nach dem 
mehrfach zitierten Ausspruche Schillers, nur auf die Richtigkeit und Reinheit unseres 
ästhetischen Urteils. Praktisch genommen ist der Unterschied jedenfalls minimal, 
und selbst bei vollkommen natürlicher Wiedergabe der Gegenstände durch die Plastik 
können negative Momente in ausreichendem Masse vorhanden sein. Über die Be- 
strebungen der Malerei, den Effekt des stereoskopischen Sehens durch eine malerische 
Behandlung der Umrisse zu erreichen, vergl. G. Hirtlfs „Cicerone in der Pinakothek," 
München 1888, S. XLV ff.
        

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