Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375903
EINLEITENDES. 
105 
des ganzen Kunstwerks wird dergleichen noch besonders gerechtfertigt, 
wie z. B. der Liebestrank in Wagners "Götterdämmerung." 
Damit ist ein Sachverhalt von hervorragender praktischer Wich- 
tigkeit und Vielleicht das allgemeinste Gesetz, nach welchem die pro- 
duktive und die reproduzierende Phantasie verfahren muss, festgestellt. I) 
Wenn ich nunmehr, in die besondere Betrachtung der nachahmenden 
Künste eintretend, zunächst einige scheinbare Verbindungen mit nicht- 
nachahmenden Künsten erörtere, so glaube ich damit einem praktischen 
Bedürfnis zu genügen. 
I) Wir führen in der Folge eine Untersuchung, welche sich im grossen ganzen 
lediglich auf das Verhältnis der äusseren Erscheinung zu dem Kunstwerk erstreckt; 
namentlich wird bei Besprechung des Dramas von der Verknüpfung der Thatsachen 
nicht weiter die Rede sein. Es sei mir daher gestattet, an dieser Stelle darauf hin- 
zuweisen, dass auch die Verknüpfung der Thatsachen im Drama nach dem vorhin 
entwickelten Grundsatz beurteilt werden muss. Die natürliche Möglichkeit dessen 
was erscheint, ist eine allgemeine Forderung der Phantasie. Daraus folgt, dass eine 
Begebenheit, welche im Drama Folgen nach sich zieht, nicht notwendig in hohem 
Grade wahrscheinlich, sondern dass sie eben nur nach der Anlage der Charaktere 
und nach den Umständen, in welchen diese sich befinden, möglich sein muss; ganz 
unwahrscheinlich darf sie natürlich nicht, und die wahrscheinlichere Begebenheit 
wird die dramatisch bessere sein. Es besteht hier also ein Gradunterschied. Wenn 
wir in dieser Beziehung jedoch zu rigoros sind, wenn wir, wie es bei manchen Kri- 
tikern beliebt ist, stets den Punkt suchen, wo wir fragen: "Wie konnte der Held nur so 
etwas thun, so etwas glaubenH", so berauben wir uns des Genusses ausgezeichneter 
Kunstwerke. Auch im Leben werden von sehr gescheiten Menschen grosse Thor- 
heiten begangen; dies ist also nicht an sich unwahrscheinlich. Es ist nicht sehr 
wahrscheinlich, wenn in „Viel Lärm um nichts" Claudio beim Anblick des nächt- 
lichen Gesprächs eines Knechtes mit einer nicht deutlich erkennbaren Persönlichkeit 
dem Verleumder der stillen Hero Glauben schenkt: Shakespeare hat nur weniges 
dazu beitragen können, dass es glaubhafter werde, und gleichwohl den Stoff nicht 
verschmäht. Dass Louise in „Kabale und Liebe" den Brief schreibt, ist wie manches 
andere, nicht sehr wahrscheinlich; aber in anbetracht der vorausgesetzten Verhältnisse 
ist es sehr wohl möglich. Und nicht anders verhält es sich mit der Kette von Un- 
Wahrscheinlichkeiten im "König Oedipus," welche J. L. Klein (Geschichte des Dra- 
mas I, S. 330 ff.) aufzeigt. Man macht in dieser Beziehung den modernen Drama- 
tikern häufig viel zu weit gehende und ihre Produktionskraft lähmende Zumutungen. 
Stichhaltig bleibt im allgemeinen nur der Einwand, dass eine Handlung dem gege- 
benen Charakter der handelnden Persönlichkeit unter den gegebenen Verhältnissen 
widerspreche. Ausserhalb des Dramas liegende Voraussetzungen kann der Künstler 
wählen, wie er sie braucht, wenn sie nur ihrerseits möglich sind.  

        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.