Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375845
DIE 
MÖGLICHKEIT 
DER 
VEREINIGUNG 
VERSCHIEDENER 
KÜNSTE. 
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Unterbrechung ein räumlicher Gegenstand, z. B. eine Illustration an- 
geschaut werden, ohne dass deshalb die Weiterverfolgung des Ge- 
dankengangs vereitelt wäre. Also ändert sich das vorhin festgestellte 
Verhältnis, wenn und insoweit die Möglichkeit vorliegt, Wclagsmbgidg 
Eindßsaebwechselnd in nnseraßsliliääiääifliäetän- Die tägliche Er- 
Dfahrwung lehrt ferner, dass die Farbe und die F orm eines Gegenstands 
in jedem Fall zusammen aufgefasst werden. Es ist dabei für uns gleich- 
gültig, 0b die beiden Sinneseindrücke abwechselnd in's Bewusstsein 
treten, oder zugleich; genug, dass sie zusammen perzipiert werden. 
Ebenso gewinnen wir nun aber auch, während wir den Verlauf einer 
im Raum vor sich gehenden Begebenheit verfolgen, ein Bild ihrer 
körperlichen Träger, des Raumes, in welchem sie sich abspielt und 
der handelnden Personen. Daraus folgt, dass uns die Natur offenbar 
so eingerichtet hat, dass wir befähigt sind, alle Bestandteile 
einer jeden einheitlichen Erscheinung der wirklichen Welt 
geistig zusammenzufassen, obgleich sie durch die Sinne ge- 
trennt aufgefasst werden müssen. Einen Sinn, welcher die Er- 
scheinungen in ihrer Totalität zu erfassen vermöchte, hat uns die Natur 
nicht verliehen. Aber offenbar hat sie dieses Resultat doch beabsichtigt, 
und die Compliziertheit des Apparats, welchen sie uns zu dem Ende 
verliehen hat, verhinderte sie nicht, es zu erreichen. Zwei verschiedene 
zeitliche Gegenstände aber lassen sich unmöglich zusammenfassen, weil 
sie unter allen Umständen wahrhaft verschiedene Gegenstände sind. 
Man kann nicht gleichzeitig zwei Begebenheiten im Verlauf ihrer Mo- 
mente verfolgen. 
Aus diesen Thatsachen ergiebt sich, dass die Solgeßsche Vor- 
stellung vom "Gesammtkunstwerk" von vornherein hinfällig ist. Denn 
es erzeugt wohl eine festliche Stimmung, wenn wir das Drama in 
einem würdigen Werk der Architektur, in einem festlich geschmückten 
Hause betrachten; allein wir können uns nicht zugleich der Betrachtung 
des letzteren widmen. Man kann eine Kirche und ihre Färbung zu- 
sammen erfassen, aber man kann nicht eine Kirche betrachten und 
gleichzeitig ein darin aufgehängtes Bild. Der ästhetische Genuss „mu- 
sikalischen Gottesdienstes in kühn emporstrebenden Gotteshäusern um- 
geben von religiösen Bildern" ist unthunlich. Von alledem mag man 
zugeben, dass das Lautwerden einer Musik von religiösem Charakter 
beim Betrachten einer Kirche lyrisch auf uns einwirken könne; man 
setze aber statt religiöser Musik irgend eine weltliche, so hört die 
Möglichkeit jedes Parallelismus der Genüsse auf. Dagegen schwebte 
der richtige Gedanke von der Totalität unsrer Wahrnehmungen 
Schleiermacher vor. Er sagt (Ästh. S. 155-167), dass die künst- 
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