Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375792
DER 
STIL. 
Es ist ein für viele junge Kräfte verhängnisvoller Irrtum, zu 
glauben, dass eine neue Manier das Genie ausmache. Hält doch ein 
so bedeutender Kunstkenner wie der Graf Adolf v. Schack Originalität 
einanderreiht, in der Meinung, dadurch die Natur in ihrer vollen Leuchtkraft wieder- 
zugeben, so gelangt man gerade zu dem umgekehrten Erfolg, nämlich zu einem 
lichtlosen allgemeinen Grau, mag man dieses Grau auch noch so hell nehmen. Es 
ist damit nun nicht gesagt, dass der besprochenen Richtung nichts nützliches zu 
entnehmen sei. Man hat sich vielmehr mit der sogenannten Atelierbeleizchtung 
zweifellos häufig, ohne es zu wollen, von der Natur entfernt, während in ausgezeich- 
neten Leistungen, von Schönleber, Baisch u. a., eine gewisse Verwandtschaft mit der 
offiziellen Freilichtmalerei nicht zu verkennen ist. So verstanden verdient die 
Methode, die Dinge im Freien zu betrachten und entsprechend wiederzugeben, alle 
Billigung. Rumohr hat bereits im Jahre 1827 die Forderung gestellt, dass Natur- 
studien bei vollem Tageslichte gemacht werden und jedes künstlich modifizierte 
Licht vermieden werden solle (vergl. Ital. Forsch. S. 70). 
XVie schon betont, ist über den ideellen Gehalt der Gemälde damit gar nicht 
entschieden. Die Urteile hierüber liegen vielmehr einfach auf anderem Gebiet. 
Es sei mir gestattet, des zufälligen Zusammenhangs wegen hier einige XVorte über 
die NVerke Fritz v. Uhde's zu sagen, welche in letzter Zeit viel Aufsehen gemacht 
haben. Gewiss ist nichts dagegen einzuwenden, wenn der Künstler den Mangel 
äusserer Schönheit durch die Schönheit und Tiefe seelischer Beziehungen zwischen 
den von ihm dargestellten Persönlichkeiten ersetzt, zumal wenn die Darstellung 
selbst eine malerisch schöne ist. In letzterer Beziehung dürfte aber unter den NVerken 
Uhde's nur das "Abendmahl" durch Gruppierung und Kolorit Lob ernten; gewisse 
nicht minder unwahre als hässliche violettgraue und rötliche Farbentöne treten in 
seinen neueren Arbeiten immer mehr hervor und machenjn der "Bergpredigt" einen 
brutalen Eindruck. Was den Gegenstand betriFft, so ist von dem Gesichtspunkt aus, 
dass der Herr auch unter uns lebendig sei und den Mühseligen und Beladenen seinen 
Trost gewähre, nichts dagegen einzuwenden, wenn ihn Uhde mit modernen Tag- 
löhnern zusammenbringt. Aber das ist dann kein historischer Vorgang, sondern eine 
Allegorie, welche höchst bedenklich wird, sobald sie unter dem Namen einer histo- 
rischen Begebenheit airftritt. Denn deren Idee steht bei uns allgemein fest und ist 
eine völlig andere. Wir können die Vorstellung des Heilands nicht trennen von 
einer ziemlich deutlichen Vorstellung seiner Zeit, und diejenige "der Apostel nicht 
von der Vorstellung einer gewissen Würde, deren bettelhafte Holzhacker und Tage- 
löhner entbehren. Diese Weise, den Heiland zu modernisieren, ist deshalb ebenso 
gesucht, wie diejenige der Renaissancemeister naiv war, wenn sie die biblischen 
Persönlichkeiten im Gewand der eigenen Zeit darstellten. Die moderne Vorstellung 
des Christus wird nur dadurch erreicht, dass wir ihn ganz als Menschen, nur in 
göttlicher Milde oder Hoheit, und diejenige der Madonna, indem wir sie rein 
menschlich darstellen, aber nicht dadurch, dass wir sie in eine tendenziös erbärm- 
liche Umgebung versetzen. Unter den Jüngeren hat Ernst Zimmermann in seiner 
„Anbetung der Hirten" (Pinakothek) und in seinem „Christus Consolator" die moderne, 
Idee durchaus erfüllt, ohne dass er zu einer sensationell neuen Darstellungsweise 
seine Zuflucht hätte nehmen oder von den alten Prinzipien des Schönen hätte ab- 
weichen müssen. Ebenso hat Gabriel Max in derselben Richtung neben manchen
        

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