Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374348
Den Stolz schätzten die Griechen ebenso hoch, als sie den Hochmut 
haäten. Stolz, d. h. das Bewußtsein des Verdienstes oder des 
wahren Wertes der Person ist der Kern der antiken Gesinnung 
 also nicht mehr als Stolz, aber auch nicht Weniger als der 
Stolz der Gerechtigkeit.   
Den Schluß des ganzen Göttercyklus bildet das Hautrelief 
Schwanthalers, das sich unter dem letzten Hauptgemalde laefindet: 
die selige Wiedervereinigung der Psyche mit Amor, nachdem sie 
zur Strafe für ihren Vorwitz von ihm getrennt worden war. Zu- 
nächst tritt diese Gruppe in Beziehung zum letzten Gemälde. Wie 
Herakles durch kräftiges Thun sich den Himmel erwirbt, so Psyche 
durch hartes Leiden; denn alle Mühsale, die sie während ihrer 
Trennung erduldet, sind nicht bloß eine Strafe, sondern ein Läu- 
terungsprozefä ihres Strebens, da sie den Gegenstand ihres Strebens 
treu im Gemüte festhält und dadurch ihr Glück verdient. Allein 
die Stelle, welche diese Gruppe im Zusammenhange des Ganzen 
einnimmt als das Endglied aller drei Bilderreihen, macht es notv 
wendig, die Bedeutung jener beiden Gestalten zu erweitern und 
dadurch den Sinn der Gruppe selbst zu vereinbaren mit dem Ti- 
tanencyklus und dessen Mittelpunkt  der antiken Komposition 
von der Erschaffung und Beseelung des Menschen durch Pallas 
Athena und Prometheus. Psyche mit ihren Schmetterlingsflügeln 
ist die vernünftige Menschenseele und Amor im Verein mit Psyche 
ist die göttliche Liebe als der wahre Gegenstand ihres Strebens, 
und der ganze Reichtum der Komposition, der mit dem Titanen- 
cyklus anhebt und in den drei Bilderreihen des Göttersaales sich 
immer klarer und tiefer entfaltet, schließt sich, gleich der lntro- 
duktion und den drei Sätzen einer großen Symphonie, in den 
Grundgedanken zusammen: die göttliche Liebe, welche zuerst im 
Makrokosmos der Elemente als weltbildendes Licht erscheint, 
wieder-scheint in dem sinnlich-geistigen Mikrokosmos der Menschen- 
seele als das Himmelslicht der Vernunft; es läutert sich aber von 
den Schlacken der sinnlichen Liebe und strahlt wieder im reinen 
Glanze der Liebe des Schönen-Guten  der platonischen Kalo- 
kagathie.
        

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