Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374271
selbst hält ihm die kunstreiche Lyra und begeistert ihn zum Ge- 
sange. An der Lehne des Thrones steht Eurydike in banger Er- 
wartung des Ausspruches, den Pluton über ihr Los fällen wird. 
Ueber die düstern Züge des Gottes gleitet ein leiser Hauch des 
Erbarmens für den Gatten, der seine Gattin von ihm erfieht, und 
gerührt erfaßt er die Hand seiner Gemahlin Persephone. Von dem 
süßen Einklang der Töne ergriffen, sehnt sich diese still trauernd 
„nach dem lieben Lichte der Sonne" zurück, WO der finstere Gott 
sie aus den Armen der Mutter Demeter geraubt hatte. Und wie 
ihr Flehen von dem Gatten erhört worden War  die selige 
Wiedervereinigung mit der geliebten Mutter wird in dem Haut- 
relief unter dem Gemälde, wie in dem Basrelief über demselben 
der Raub der geliebten Tochter veranschaulicht  ebenso wird 
die Bitte des edeln Sängers von dem strengen, aber menschlich 
fühlenden Pluton erhört. Der sittliche Geist der Familie, Gatten- 
liebe, Kindes- und Mutterliebe und die reine Freude am Kunst- 
schönen führen Orpheus zum Ziele, sie sind die Zauber-macht, 
welche die Schranke des Todes überwindet, sie sind die vernünftige, 
allerhöchste Kraft, die den Arm der strafenden Gerechtigkeit ent- 
waffnet, wenn dieser auch über jene Schranke hinaus den Frevler 
erreicht.  
Im zweiten Wandgemälde des Göttersaales ist bloß und allein 
die Zaubermacht der menschlichen Kunst und im dritten und letzten 
ebenso bloß und allein die Größe der lohnenden Gerechtigkeit dar- 
gestellt. Dort lauscht alles der Harmonie, die von Arions Lyra 
erklingt. Ueber den glatten Meeresspiegel kommt rechts Poseidon 
mit Amphitrite auf, dem Muschelwagen gefahren, aber Eros hält 
mit purpurnem Zügel das Gespann der Seepferde an, wie er den 
Gesang Arions vernirnmt. Der voranschwimmende Triton will 
zwar, ins Muschelhorn stoßend, die Pferde anfeuern, jedoch ein 
älterer Gefährte, der horchend die Hand ans Ohr gelegt hat, zieht 
ihm die Muschel vom Munde. Nebenan klettert ein Tritonenknabe 
auf den Rücken des graubardtigen Alten, um den Sänger zu sehen, 
und streckt begeistert ihm einen Korallenast entgegen, ein anderer 
taucht aus der Flut herauf und reicht ihm Fische dar. In schöner 
Gruppe drängen sich vier Nereiden an den Sänger heran: die 
hintersten in süßem Entzücken an einander gelehnt und vorgeneigt,
        

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