Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374218
steigert. In der Pracht der Morgenröte bricht der junge 'l'ag hervor, 
Aurora, „die frühgeborene, die goldenthronende", wie sie von den 
Alten genannt Wird, fahrt im Safrangewande mit dem Zwiegespann 
der weißen Füllen empor, sie streut, „die roseniingerige", Blumen, 
die geleitenden Horen gießen Tau auf die Erde herab. Helios 
aber fahrt auf dem goldenen Sonnenwagen mit dem Viergespann 
der schnaubenden Rosse daher wie ein Triumphator, die Horen 
streuen Blumen und Früchte. Luna endlich fahrt im ruhigen 
Schritt mit dem Zwiegespann der schüchternen Rehe einher, ge- 
leitet von den Abendstunden, zwei lieblichen Mädchen, die leise 
heranschweben und traulich flüsternd einander umschlingen. Wie 
in der Komposition tritt die eigentümliche Schönheit von Morgen, 
Mittag und Abend auch in der Farbengebung und Beleuchtung 
hervor. Der Morgen hat ein frisches Kolorit und scharfe Lichter 
und Schlagschatten, die durch keine Reflexe gebrochen sind. Der 
Mittag aber scheint ganz in ein Lichtmeer getaucht und glüht in 
den wärmsten Tinten. Der Abend endlich ist in sanften Farben- 
schmelz und weiches Dämmerlicht gehüllt. Es liegt tief in der 
Intention unseres Künstlers begründet, daß hier rein das Natur- 
schöne in dem vollen Aufwand malerischer Darstellungsmittel er- 
scheint. Apollon ist hier bloß Naturgott, nämlich Sonnengott, 
und daher ist absichtlich in der ganzen Bilderreihe die Lyra als 
Symbol des Kunstschönen und als Attribut des Musagetes weg- 
gelassen. Helios-Apollon hält mit beiden Händen den Tierkreis 
und Luna die zu- und abnehmende Mondsichel über dem Haupte 
empor  zum Zeichen, dalä sie mit den Naturgebieten, in denen 
sie walten, wesentlich eins und dasselbe sind. Den christlichen 
WVeltschöpfer als auläerweltliche Intelligenz hingegen hat Cornelius 
anderwärts, in der Ludwigskirche, so dargestellt, dafä er bloß mit 
dem Zeigefinger der Sonne und dem Mond ihre Bahnen vorschreibt, 
und der Zodiak frei über seinem Haupte schwebt. YVie vorhin im 
ersten Bilde dieser Reihe die Schicksalsschwestern keine sittlich 
vergeltenden Machte waren, so bedeutet hier das Tagesgeschwister 
Aurora, Helios und Luna keine künstlerisch waltenden Gottheiten, 
sondern nur mythische Personifikationen des Naturschönen, wie 
es im Wechsel der Tageszeiten erscheint. 
Eben dieses Naturschöne ist nun das Gebiet des rein sinnlichen
        

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