Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374197
solche Darstellung der Nacht mit Thanatos und Hypnos auf dem 
Kasten des Kypselos sah. Auch der Tod erscheint somit nicht als 
vernichtende Macht, sondern nur unter dem Bilde des Schlafes als 
ein leises Schweben, begleitet vom Heer der Träume. Voran 
schweben vier Traumgestalten in phantastisch verschlungener Kette. 
zu oberst blickt unstät eine männliche Gestalt, die Flügel des Nacht- 
falters am Haupte, nach dem durchlebten Tage zurück, die Bilder 
der Erinnerung sinnlos verwirrend, ihm folgen in weiblicher Ge- 
stalt der feste, mitternächtliche Traum und der Morgentraum, der 
mit lieblichen Bildern den Schlafenden umgaukelt. Die Traum- 
gruppe schließt sich ab mit dem gräßlichen Traume, welcher dem 
Erwachen vorangeht und mit geöffnetem Munde dem neuen Tage 
zuschweht. 
Neben der Hauptgruppe der Nacht spinnt den Lebensfaden 
rechts die Seitengruppe der Parzen: die jugendliche Klotho im 
weißen Gewande mit dem rosigen Schleier zieht ihn aus dem form- 
losen Stoff vom Recken, die kräftige Lachesis windet ihn auf die 
Spule und Will das Lebensgespinst bei Seite legen zu künftiger 
Verwendung, sobald ihn die greise Atropos, die zu ihren Füläen 
sitzt, abgeschnitten hat. Die dunkeln, vielgestaltigen Anfange des 
lebendigen und beseelten Daseins verflechten sich in der Hand der 
Parzen zur Einheit des Lebens und Bewußtseins und entfalten sich 
in der Stufenreihe organisch-psychischer Bildungszustände zu einem 
individuellen Mikrokosmos. Mag die verhängnisvolle Schere früher 
oder später die weitere Entwickelung unterbrechen, der gewonnene 
Bildungsschatz wird nicht vernichtet, sondern aufbewahrt, damit 
im erneuten Mikrokosmos der göttliche Eros "der Gottheit leben- 
diges Kleid webe." Faßst das Dreigeschwister der Parzen den 
Lebensfaden mit den Händen, d. h. in dem Momente der Ent- 
wickelung, sofern dieser das Produkt eines vorangegangenen Lebens 
ist, so betrachtet ihn das andere Schwesterpaar der Kinder der 
alten Nacht, Nemesis und Ilekate, im Lichte einer entlegenen Zu- 
kunft, in welche beide mit sicherem Auge hinschauen und der 
guten und der bösen That ihren Lohn nachfolgen lassen. Nemesis 
erreicht den Uebelthäter auch in der Ferne mit dem Stein, den sie 
in der Schleuder trägt. Hekate ist nicht die finstere Zaubermachi 
des spätern Volksglaubens, sondern die freundlichste Gestalt de]
        

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