Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374149
Gleichwohl ist in beiden Brüdern eine gewisse Familienähnlichkeit, 
beide sehen nur auf das subjektiv Zweckdienliche, nicht auf das 
an sich Zweckmäßige, freilich mit dem großen Unterschiede, wor- 
nach der eine vor, der andere nach der That den Schaden berechnet. 
Daher hat bei Hesiodgö Prornetheus den stehenden Beinamen der 
Listige, Schlaue, und den Olympiern gegenüber erscheint er immer 
als der Betrüger. der sie zu übervorteilen sucht. Ferner liegt die 
Aehnlichkeit beider Brüder in ihrer Begehrlichkeit; wenn auch das 
Begehren des Proinetheus nicht von der Art ist, welches seinen 
nachbedächtigen Bruder mit der vorwitzigen Pandora verbindet, 
so äußert sie sich doch als die Willkür des Begehrens, die in 
wildem Trotz Gesetz und Ordnung verschmäht, als der Eigenwille, 
der an keine vernünftige Norm gebunden, in Uebermut und Hoch- 
mut entartet; daher von Zeus die Strafe über Prometheus verhängt 
wurde, daß der Sitz seiner Begierden, d. h. nach der Ansicht der 
Alten seine unsterbliche Leber, vom Geier zernagt wurde, und dalä 
sie nachts ebensoviel wuchs, als den ganzen Tag über der Vogel 
davon gespeist hatte. 
Als das Mittelbild der Titanenhalle und als die Blütenkrone 
der ganzen malerischen Komposition wächst gleichsam aus allen 
drei Räumen hervor jenes antike Reliefbild, worin die neuere 
deutsche Renaissancekunst den vollendeten Ausdruck der Humanität 
oder der hellenischen Sophrosyne erkannt und anerkannt hat. Zu- 
nächst verknüpft sich dieses Mittelbild mit dem andern Seitenbild 
des Titanencyklus, das die Befreiung des Prometheus von der Qual 
des Geiers darstellt, der seine Leber zernagt. Sie ist das Werk 
des größten der Erdensöhne, die aus der bildenden Hand des Pro- 
Illetheus hervorgegangen sind  des Herakles, der den gefraßigen 
Geier erlegt und die Fesseln löst, womit Prometheus zur Strafe 
für seinen Uebermut an den Felsen angeschmiedet worden war. 
Allein sie ist nicht das Werk eines selbstsüchtigen Eigenwillens, 
der sich selbst überhebt und der Gottheit gleichzustellen vermißtßl 
sondern das Werk einer sittlichen Willenskraft, welche das gött- 
liche Gesetz der Ordnung und Freiheit kennt und mit Bewulätsein 
vollzieht. Mit Pallas Athena, die dem von Prometheus gebildeten 
Menschen die vernünftige Seele verleiht, ist also Herakles, der 
Befreier, enge1' verknüpftfs als mit der andern Hauptgestalt des
        

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