Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374114
was ihr zukommt: Weisheit, Tapferkeit und Mäßigung. Dieser 
platonische Gedanke beherrscht und krönt die ganze Schöpfung 
Raphaels in der vielbewunderten Stanza della Segnatura. Keine 
Spur einer scholastischen Unterordnung des Wissens unter den 
Glauben findet sich in dem berühmten raphaelischen Gemälde, die 
Schule von Athen. Ebenso betont aber auch Raphael die autoritäre 
Haltung der Theologie in dem Deckengemälde über der Disputa 
gegenüber der freien philosophischen Forschung  also keinen 
Vorrang der Philosophie vor der Theologie, aber auch keine Unter- 
ordnung, sondern die freie Nebenordnung von Wissen und Glauben 
und die freie Einordnung beider in das Kultursystem des reinen 
Menschentums, der Humanität. 
So grundverschieden auch die beiden größten Meister der 
italienischen Renaissance, Michelangelo und Raphael, als Menschen 
und Künstler sind, tragen doch ihre Hauptwerke das gleiche Gepräge 
des Zeitalters, den Stempel des philosophischen oder platonischen 
Humanismus. Rein platonisch ist es, wenn Raphael sein Hauptwerk 
in den Stanzen des Vatikan nach den vier höhern Sphären der 
menschlichen Kultur gliedert, welche Platon im Phadros als auf 
das Ewige und Uebersinnliche gerichtet unterscheidet und auf eine 
sibyllinische Natur des menschlichen Geistes zurückführt, nämlich 
Glauben und künstlerisches Schaffen, Wissen und sittliches Leben. 
Ebenso ist es platonisch, wenn die vier allegorischen Deckenbilder 
des Kreuzgewölbes Fakultäten oder Anlagen und nach Pico von 
Mirandola Keime eines allartigen Lebens genannt und in reicher 
historischer und psychologischer Entwickelung von Blüten und 
Früchten der menschlichen Kultur an den entsprechenden vier 
Seitenwänden dargestellt werden. Den gleichen Gegensatz zwischen 
psychischen Anlagen und ihrer historischen Kulturentwickelung 
zeigt Michelangelos Sistina in dem mit Vernunft und Willen be- 
gabten Adam oben auf der Höhe des Tonnengewölbes und darunter 
auf den zwei Seitenwänden in den beiden Hälften des sibyllinisch- 
prophetischen Rings, an deren Spitze der philosophische Frager 
und Forscher J onas und der glaubenseifrige Prophet Ezechiel stehen. 
In ethischer Hinsicht stimmen ferner beide Künstler auf der plato- 
nischen Grundlage der Idee der Menschenwürde ebenso unter ein- 
ander überein, wie der platonische Staatsmann in seiner einfachen
        

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