Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374100
gefunden hat, sogar in der trübsten Zeit des Mittelalters in einem 
Miniaturgemälde aus dem 9. Jahrhundert?" ferner in theologischen 
Systemen der Scholastik wie in der Poesie des ernsten Dante und 
des heitern Ariosto, bis sie endlich erst vor ein paar Jahren in 
der Ruhmeshalle des preußischen Militärstaates im Berliner Zeug- 
haus zum malerischen Ausdruck gelangte. Das ist die vielfach 
getrübte, durch Jahrtausende fließende Quelle, woraus Thorvaldsen 
seine Darstellung geschöpft hat. 
Es wird dies am klarsten durch die Vergleichung mit der 
reinsten künstlerischen Gestalt, welche die platonische Tugendlehre 
durch die Hand Raphaels in der vatikanischen Stanza della Segnatura 
erhielt. Im genauen Anschluß an die vollendete Tugendlehre des 
platonischen Staates faßt Raphael die drei auf reale Kräfte der 
Seele gegründeten Tugenden der Weisheit, Tapferkeit und Mäßigung 
zu einer schöngegliederten Gruppe zusammen und ordnet sie als 
viertes Wandgemälde neben die drei andern, die sog. Disputa, 
den Parnaß und die Schule von Athen. Was jenes mit diesen drei 
Wandgemälden verknüpft, ist die psychologische und historische 
Thatsitchlichkeit, womit auf der ersten Wand das Wesen der 
Theologie in individueller geschichtlicher Gestaltung der augusti- 
nischen Patrologie und thoniistischen und mystischen Scholastik. 
sodann auf der zweiten das Wesen der Poesie durch die historischen 
Persönlichkeiten des Homer und Vergil, des Dante und Sannazaro. 
und auf der dritten Wand das Wesen der Philosophie durch die 
Sokratik des Sokrates, Platon und Aristoteles ausgedrückt wird. 
Dagegen erhebt sich als Deckengemälde die reine ldealgestalt der 
Gerechtigkeit über die reale psychische Grundlage der drei unter 
ihr an der Wand gruppierten Tugenden. Auf Wolken thronend, 
die Krone auf dem Haupt entscheidet sie den Rechtsstreit mit 
elhobenem Schwert in der Rechten und mit der Waage in der 
Linken. An ihrer Seite tragen Grenien die Tafelchen mit der 
Inschrift: J us suum cuique tribuit, das Recht teilt jedem das Seinige 
zu. Das ist die Formel, Worin das römische Recht das Wesen des 
Rechtes zusammenfaßt, und das ist nur die Uebersetzuug der 
Gedankenform, worin Platon das Wesen der Gerechtigkeit, der 
Dikaiosyne ausspricht: 15a oafrcoö irpotrrecv, d. h. jede sittliche Kraft, 
WVissen, Wollen und Begehren soll an ihrer Stelle das wirken,
        

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