Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374099
der Einschränkung und Zügelung, des Niederhaltens des Niedrigen 
ergibt. Hingegen die mittlere Seelenthätigkeit des thatkrättigen 
Wollens besitzt den positiven Wert der Tapferkeit, und die erste 
denjenigen der Weisheit oder Besonnenheit; daher die einfache 
Tugendlehre des platonischen Staatsmanns nur die positiven Be- 
griffe der Menschenwürde, die Tapferkeit des Wollens und die 
Sophrosyne im Sinne der vernünftigen Besonnenheit aufstellt. Die 
höchste unter den Tugenden des platonischen Staates, die Gerechtig- 
keit, hat keine reale Kraft der Seele zur Grundlage, sondern ist 
ein reiner Verhiiltnisbegriii] welcher das Ebenmaß unter den drei 
sittlichen Grundkräften bedeutet und ebenso die Vielgeschäftigkeit 
oder Polypragmosyne vom Organismus des sittlichen Gesamtlebens 
lernhiilt, wie die sittliche Weberkunst im Staatsmann die Ein- 
seitigkeit ihrer Ausbildung davon abwehrt. Platon stimmt also 
in den beiden Formulierungen seiner Tugendlehre mit sich selbst 
vollkommen überein; zwar hat er durch verschiedene Zahlen und 
Namen der Tugenden wohl den Anlafä, aber doch keinen Grund 
zum Zweifel an dieser Uebereinstimmung oder gar an der Echtheit 
des platonischen Staatsmanns gegeben. 
Thorvaldsen stimmt jedoch mit sich selbst nicht überein, wenn 
er die Sorge für das körperliche W ohlbeiinden, die Hygiene, an 
die Seite der sittlichen Ideen der Gerechtigkeit und Weisheit setzt 
und dadurch die Gesundheit des Geistes, welche schon das Wort 
in allen Schattierungen seiner Bedeutung ausdrückt, von jener 
Stelle verdrängt. Gleichwohl bleibt Thorvaldsens Verdienst un- 
geschmälert, in der künstlerischen Darstellung der platonischen 
Kardinaltugenden der erste gewesen zu sein, der diesen unzählige 
Mal vor ihm behandelten Vorwurf anders als durch abstrakte 
Allegorien vor Augen gestellt hat. Er hat auch seine vier Tugenden 
ebenso wenig aus der Quelle, d. h. aus dem platonischen Staat 
geschöpft, als er sogar das von ihm entdeckte antike Reliefbild 
der Sophrosyne, zwar durchaus nicht im Widerspruch mit der 
platonischen Quelle, d. h. mit dem Staatsmann, aber doch erst im 
Geiste Michelangelos erfalät und umgestaltet hat. Es gibt keine 
philosophische Lehre, die gleich der vollendeten Form der plato- 
nischen Kardinaltugenden in den verschiedenen Zeitaltern und Ge- 
bieten der Kultur eine so vielgestaltige Anwendung und Verbreitung
        

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