Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374068
abhängig zu sein scheint, verrät sich deutlich die künstlerische 
Üeberlegenheit, die Thorvaldsen dem Rate Winckelmanns verdankt. 
Sie beruht auf dem eminenten Kunstwert des griechischen Götter- 
und Heroenmythos, welchen dieser historisch erkannt und als das 
Grundgesetz der Antike den neuern Künstlern zur Nachahmung 
empfohlen hatte. Beide Bildwerke, Michelangelos Adam und das 
antike Reliefbild der Sophrosyne, behandeln den gleichen Gegen- 
stand, die Erschaffung und Beseelung des Menschen; auch die 
psychischen Gaben, die der Mensch von der Gottheit empfängt, 
sind hier wie dort dieselben: Vernunft und Wille. Aber involler 
künstlerischer Klarheit und Anschaulichkeit tritt der Gegensatz 
der beiderseitigen Gaben hervor in den mythischen Gestalten der 
Geber, der Pallas Athena als der siegreichen olympischen Gottheit, 
und des Prometheus als des letzten Vertreters der titanischen 
Naturgewalt, welche der vernünftigen Herrschaft des Zeus wider- 
standen hatte. Michelangelo hingegen drückt den ganzen Vorgang 
der Beseelung bloß symbolisch aus, das beseelende und das beseelte 
Auge bedeuten das Auge des Geistes, das Denken und Erkennen, 
die Hand des Schöpfers wie des Geschöpfes die geistige Thatigkeit 
des Wollens und Handelns, und dieselben seelischen Anlagen, die 
hier symbolisch durch Auge und Hand, werden an den Grabdenk- 
niälern der Mediceer sogar allegorisch durch die Tageszeiten be- 
zeichnet. Was Michelangelo nur mit symbolischen und allegorischen 
Mitteln zur Darstellung brachte, übersetzt schon das antike Relief- 
bild in dialogische Bewegung und Handlung zwischen den beiden 
mythischen Personen und verleiht dadurch dem Vorgang der Be- 
seelung dramatisches Leben, und Thorvaldsen zeigt in der Kopf- 
bewegung des beseelten Menschen auch die Wirkung, die voll- 
endete That. 
Den Vorzug künstlerischer Anschaulichkeit und Lebendigkeit, 
den die mythische Darstellung im antiken Reliefbild der Sophro- 
Syne Vergebildet hatte, benützt Thorvaldsen in seinem Relieicyklus 
der Vier Kardinaltugenden, Welcher das Portal der Christiansborg 
in Kopenhagen schmückt. Er teilt die vier Bilder in zwei Paare, 
Wovon das erste dem Göttermythos, das zweite dem Heroenmythos 
angehört. Der Ausgangspunkt dieser cyklischen Komposition ist 
jenes antike Relief von der Beseelung des Menschen; es bedeutet
        

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