Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374010
umgestalteten, als göttliche YVahrheit geglaubt. So kehrten die 
Mythen, aus dem Volksgeiste geboren und kunstvoll durch die 
Dichter wiedergeboren, zum Volke zurück, die Dichtkunst wurde 
bei den Griechen volkstümlich, und die Volkssage kunstvoll ver- 
edelt. Sogar die griechische Philosophie knüpfte ihre Begriffe von 
den einheitlichen Grundlagen der mannigfaltigen und wandelbaren 
Erscheinungswelt an die mythischen Vorstellungen von Okeanos 
und Thetis, und wenn Platon und Aristoteles in ihren Schriften 
von den Theologen reden, so verstehen sie unter ihnen Homer 
und Hesiod und deren Ausgestaltung der Göttersagen. Ein genialer 
Denker wie Platon liebte es, den nationalen Spuren der Dichtung 
zu folgen und seine philosophischen Anschauungen in mythische 
Gebilde zu kleiden, die bisweilen, wenn sie auch noch in später 
Zeit als Märchen im Munde des Volkes fortlebten, doch die Spuren 
ihres philosophischen Ursprungs nicht bis zur Unkenntlichkeit 
verwischt hatten. So weit sich auch der Schatz der griechischen 
Mythen verbreitete, schon im Altertum bei den Römern, in der 
Neuzeit bei den romanisch-germanischen Völkern, ist ihr geist- 
voller Gehalt verstanden und gewürdigt, das Gemeingut aller Kultur- 
völker geworden. Als daher die neuern Künstler Winckelmanns 
Aufruf zur „Nachahmung der griechischen Werke" vernahmen, 
bot ihnen der Reichtum poetisch und philosophisch durchgebildeter 
und bereits im Altertum künstlerisch vorgebildeter Mythen einen 
willkommenen Stoff dar zur Ausprägung ihrer eigenen Gedanken. 
Der erste, der dem Rufe Winckelmanns folgte, war der Süd- 
oder Deutschdäne Asmus Carstens, der eigentliche Gründer der 
neuern deutschen Renaissancekunst aber war der Norddäne oder 
Isländer Bertel Thorvaldsen. Rom war für ihn, wie für seinen 
Führer, Wvinckelmann selbst, und für seine Nachfolger, Cornelius 
und Kaulbach, die hohe Schule der künstlerischen Bildung. Wann 
ich geboren bin, piiegte er zu sagen, weiß ich nicht, aber wann 
ich nach Rom kam, weiß ich auf Jahr und Tag und Stunden 
Ebenso hatte Winckelmann seine Lebensjahre von seiner Ankunft 
in Rom angefangen zu zählen und sich dabei mit dem römischen 
Konsul M. Plautius verglichen, der, nachdem er die Illyrier besiegt 
und in Rom seinen Triumph gefeiert hatte, neun Jahre nachher 
auf seinen bei Tivoli gefundenen Grabstein die einfachen Worte
        

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