Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374002
Winckelmann eng zusammen mit der Antike und deren Wieder- 
geburt im Cinquecento. Noch der jüngste unter ihnen hat an 
dem Entwickelungsgang der Menschheit von der griechischen zur 
römischen Kultur und von der romanisch-germanischen Kultur des 
Mittelalters zur neuern Zeit ebenso die Blüten und Früchte eines 
allartigen Lebens entfaltet, wie in den großen Bildercyklen Michel- 
angelos, die vom Schöpfer in Auge und Hand Adams gelegten 
Keime geistiger Bildung an den vollendeten Gestalten des sibyllinisch- 
prophetischen Kreises in Blüten und Früchten des freien Erkenntnis- 
und des autoritären Glaubensstrebens zu reicher Entwickelung 
gelangt waren, und wie andrerseits die Naturanlagen des mediceischen 
Fürstenhauses durch gleichmäßige Ausbildung der seelischen Grund- 
kräfte wohl in den Ahnen die edelsten Blüten, aber auch in den 
Enkeln durch ihre einseitige Ausbildung die Entartung und den 
Verfall gebracht hatten. Als Entwickelung, Fortschritt hatte Pico 
von Mirandola die Menschenwürde erklärt, und Michelangelo durch 
den sittlichen Endzweck der Vervollkommnung sie ergänzt. Winckel- 
mann entwarf das Muster fortschreitender Entwickelung in dem 
Rahmen der Antike und eröffnete die neuere deutsche Renaissance, 
wie ehedem Pico und Michelangelo die italienische Renaissance 
als die WViedei-geburt der Antike und der Humanität erfaEst und 
gegründet hatten. 
Noch fruchtbarer für die neuere deutsche Kunst war die Be- 
obachtung, die Winckelmann an geschnittenen Edelsteinen und an 
erhobenen Werken des Altertums machte und als das Grundgesetz 
der alten Kunst aufstellte, daß nämlich die Alten den Inhalt ihrer 
künstlerischen Darstellungen nicht aus der Geschichte, sondern aus 
der Volkssage, aus den phantasie- und sinnvollen Götter- und 
Heroenmythen schöpften. Dieselbe Erscheinung bietet die Litteratur 
wie die Kunst der Griechen dar. Die Volkssagen wurden zuerst 
von der epischen Poesie gestaltet, aber auch von der Lyrik um- 
gestaltet, und waren für die dramatische Dichtung die Quelle, 
woraus sie ihre tragischen Stofe entlehnte. Die aus dem dichterischen 
Volksgeist entsprungenen Mythen wurden nicht wie im Orient von 
den Priestern gestaltet, sondern die Theologen der Griechen waren 
die Dichter, die gottbegeisterten Sänger wurden als die Träger 
göttlicher Offenbarung geschätzt, und was sie gestalteten und
        

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