Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373985
Gewand der Seele, das Ideal der Menschenwürde zusammeniiicht." 
In Michelangelos ldealgestalten der beiden Mediceerfürsten erscheint 
das schöne Gewebe der Seele aufgelöst und zerrissen, die Würde 
des mediceischen Hauses in seinen letzten legitimen Enkeln entartet. 
Der Kulturhistoriker der Renaissance Jakob Burckhardt hat 
den mächtigen Einflulä der platonischen Philosophie auf den Gegen- 
stand seiner Untersuchung und Darstellung gänzlich verkannt; 
daher es nicht zu verwundern ist, daß sein „Cicerone" dem ge- 
waltigen Cyklus Michelangelos ganz verständnislos gegenübersteht 
und ausdrücklich erklärt 12: „Kein Mensch hat je ergründen können, 
was die Allegorie hier bedeuten soll." Gegenüber diesem Einge- 
ständnis vollständiger Ratlosigkeit müssen wir vorerst auf des 
Künstlers eigene Erklärung der Allegorie von den Tageszeiten, 
die jenes neugefundene Sonett enthält, sodann auf die Ueberein- 
stimmung in dem Grundgedanken der Humanität zwischen den beiden 
großen Kompositionen in der mediceischen und in der sistinischen 
Kapelle hinweisen, endlich muß die von jenem Kulturhistoriker 
völlig ignorierte platonische Philosophie als die Grundlage dieser 
Uebereinstimmung und als wesentlicher Faktor in der Kultur der 
Renaissance anerkannt werden. Um neben dieser Hauptsache noch 
etwas Untergeordnetes, das gleichfalls beiden Cyklen gemeinsam 
ist, hervorzuheben, scheint das Bild des paradiesischen Zustandes, 
das Platon im „Staatsmann" von den Urmenschen beschreibt, dem 
Maler und Bildhauer Michelangelo bis aufs Wort bekannt gewesen 
zu sein. Denn Platon setzt jenen Naturzustand so schroff der Kultur 
entgegen, daß er zweifelt, ob der paradiesische Zustand der Natur- 
menschen ein glücklicher gewesen sei, weil es keine Ueberlieferung 
davon gebe, daß sie Wissenschaft und Kunst besessen hätten; 
hingegen behauptet er bestimmt, sie hätten keine Kleidung gehabtßg 
Von diesem Motiv hat Michelangelo ausgibigen Gebrauch gemacht, 
um Naturanlagen und Naturzustände des menschlichen Daseins im 
Gegensatze zur Kultur zu markieren. In der Sistina zeigt er den 
Adam als Prachtexemplar der menschlichen Rasse, als unbekleideten 
Rassemenschen, und setzt die Propheten und Sibyllen als Träger 
der hellenischen, hellenistischen und israelitischen Kultur entgegen 
den Stammeltern des Menschengeschlechts. Die Propheten haben 
den jüdischen Prophetenmantel, nur Jonas hat ihn abgelegt, er
        

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