Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373969
hatte er die Entartung des Menschengeschlechts auf die Abkehr 
des menschlichen vom göttlichen Willen zurückgeführt, ebenso er- 
scheint in seinem plastischen Cyklus die Entartung des niediceischen 
Geschlechts als eine Abkehr von der Naturordnung, und wenn er 
diese im regelmäßigen Wechsel von Nacht und Tag, Abend und 
Morgen darstellt, so ist sie auch nur ein Symbol der intellektuellen 
und sittlichen Lebensordnung des menschlichen Geistes, wie in der 
Sistina das EbenmaE; von Wissen und Wollen symbolisch durch 
Auge und Hand des neubeseelten Adam ausgesprochen worden 
war. Freilich jene Zeichen der Mienen- und Geberdensprache sind 
die notwendigen Darstellungsmittel, wodurch die bildende Kunst 
geistige Thätigkeiten und Zustände sichtbar erscheinen laßt  
die eigentliche Kunstsprache. Michelangelos Tageszeiten aber sind 
Allegorien, jedoch keine künstlichen logischen Abstraktionen, 
sondern psychologische Allegorien, sie drücken wechselnde Stimm- 
ungen und Gesinnungen aus, die der Mensch im Laufe des Tages 
durchleben, und die künstlerische Geberden- und Mienensprache 
ebenso darstellen kann, wie sie selbst ihren natürlichen Ausdruck 
in den Geberden und Mienen der Menschen sich schaffen: sie sind 
daher nicht künstliche, sondern künstlerische Allegorien. 
Ein Sonett Michelangelos, das zuerst im Jahre 1863 in der 
Ausgabe der Gedichte von Cesare Guasti veröffentlicht wurde, gibt 
uns Aufschlufä über die Art, wie Michelangelo selbst die Tages- 
zeiten allegorisch gedeutet hatß Der Dichter Michelangelo unter- 
scheidet die Menschen nach ihren niedern und höhern Zwecken 
der Kultur und nennt die auf materiellen Erwerb und Gewvinn 
gerichteten Menschen Kinder des Tages, die andern aber, deren 
Streben einsames Denken und Dichten ist, Söhne der Nacht. Mit 
der allegorischen Gestalt der Nacht beginnt der Künstler Michel- 
angelo seinen plastischen Cyklus. Sie stellt den tiefen mitter- 
nächtlichen Schlaf dar. „Aber ob wohl jemals ein Mensch in solcher 
Stellung habe schlafen können"  diese Frage wirft kopfschüttelnd 
„der Cicerone" Jakob Bnrckhardtsg auf. Und er hätte recht, wenn 
hier der Schlaf des Leibes dargestellt wäre, aber dieser Schlaf ist 
allegorisch kein Schlaf, sondern das Leben der Seele, das auch 
im tiefsten Schlafe des Leibes ein leises Schweben, Heben und 
Sinken der Traumvorstellungen und Gedanken ist, wie auch der
        

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