Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373937
intelligenten Arbeit erölfnet. WVohl kann auch das menschliche 
Auge entarten und herabsinken zu den irdischen Zwecken des 
Genusses und Gewinns, aber das Auge Adams war gefeit durch 
den Anblick des Ewigen und kann im irdischen Streben des Denkens 
und Wollens sich hinaufläutern zu dem Urquell des Ewigen, den 
es in seiner Reinheit geschaut hatte. 
Die Keime eines allartigen Lebens, die der Schöpfer in das 
Auge Adams gelegt hatte, kommen in den höhern Gebieten der 
menschlichen Kultur zu ihrer auch von Pico vorgesehenen Ent- 
wickelung, sie haben zu ihren Endzwecken die ewigen Ideen des 
Wahren in der Wissenschaft, des Schönen in der Kunst und des 
Guten im religiössittlichen Leben. Ein solches Streben bezeichnet 
Platon im Phädrosä, Weil es auf das Ewige gerichtet ist, als eine 
gottbegeisterte, sibyllinische oder prophetische Thatigkeit, und als 
Verkörperung desselben in allen jenen Sphären der Kultu1' preist 
er den in seinen Dialogen geschilderten Sokrates. Michelangelo 
veranschaulicht es in den Kolossalgestalten der Sibyllen und Pro- 
pheten der vorchristlichen Zeit, des hellenischen und hellenistischen 
wie des jüdischen Altertums. An den schmalen und langen Gewölbe- 
seiten der Sistina bildet den Mittelpunkt des sibyllinisch-prophetischen 
Kranzes der Prophet Jonas, wie auf der Höhe des Gewölbes die 
Menschenschöpfung und der Sündenfall die Hauptstelle haben 
zwischen der Weltschöpfung und der Sintflut. Die Geberden- und 
Mienensprache ist hier wie dort gleich bedeutsam. Beide Hände 
des Propheten weisen abwärts zu den zernagten Wurzeln des 
Baumes, der ihm ehedem erquickenden Schatten gespendet hatte, 
sie forschen nach den Naturursachen seines Todes, dem nagenden 
Wurm. Die Augen des Propheten aber richten sich aufivärts mit 
der Frage nach dem Vernunftgrund und der Zweckursache des 
Todes: Warum stirbt, was da lebt? Haupt und Brust folgen, 
nach der linken Seite des Körpers machtvoll zuriickgelehnt, der 
Richtung der Augen. Diagonal durchschneidet die Augenachse des 
Propheten die Länge des Gewölbes, und auf der gegenüberliegenden 
rechten Hälfte schaut das prophetische Auge fünfmal die Gestalt 
der Gottheit, die als Weltschöpfer Licht und Finsternis scheidet, 
das Tages- und das Nachtgestirn ins Dasein ruft, im Wasser und 
auf der Erde Leben Weckt, das Menschenpaar gottiihnlich beseelt,
        

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