Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373914
ihren eigenen Willen und können nicht eigenwillig abfallen vom 
Willen des Schöpfers: sie können nicht entarten. Der Mensch 
allein kann entarten, wenn er den Unterschied vom ewigen Willen 
erkennt und diesen nicht freithätig als den eigenen anerkennt. 
In den gleichen Gegensatz stellt Goethe seinen Faust zu den Erz- 
engeln, welche die „unbegreillich hohen Werke" der Schöpfung 
bewundern, aber nicht begreifen können, während Faust sie be- 
greifen will. Die gemeinschaftliche Quelle dieser Anschauung Picos 
und Michelangelos, wie Goethes, ist der Kirchenvater Augustinus. 
in seiner Lehre von der christlichen Wiedergeburt, und diese ver- 
dankt er seiner neuplatonischen oder, wie er selbst sie nennt, 
akademischen Bildung. Durch die Geberde des vom Schöpfer be- 
seelten Adam spricht der Künstler den selbstherrlichen Willen des 
Menschen aus, der nach den Worten Picos ebenso gut herabsinken, 
als sich zum Ewigen emporläutern kann, er nimmt von der Herz- 
seite seinen Ursprung und hebt in allmiihlicher Entwickelung den 
linken Arm und die Hand empor zu dem straff und gebietend 
entgegengestreckten Zeigelinger des Schöpfers, aber beide Glieder 
und die linke Körperseite folgen zögernd dem göttlichen Gebote, 
eine widerstrebende Macht läßt sie leicht zurück- und abwärts- 
gleiten. Besonders die Hand richtet sich geheimnisvoll vom gött- 
lichen Finger angezogen aufwärts, aber der Zeigefinger krümmt 
sich in leiser Biegung abwärts, folgend der materiellen Kraft der 
Schwere: in ihr ist der Sündenfall schon vorgebildet. 
Die selbstherrliche Willensmacht hat Michelangelo in der 
Geberde Adams so ausgeprägt, wie sie Pico als das Kennzeichen 
der Menschenwürde beschrieb, in der Mienensprache Adams hat 
er aber ebenso klar die selbstherrliche Vernunft des Menschen vor 
Augen gestellt  und diese vermissen wir ganz in Picos Dar- 
stellung der Menschenwürde. Dieser Mangel hat es verschuldet, 
datä jetzt häufig das Menschentum, zu welchem das Zeitalter der 
Renaissance zurückkehrte, nur als willensstarke Persönlichkeit ver- 
standen wird, als die Energie der Leidenschaft, welche die reichen 
Mittel des Wissens und der Bildung sich zu Gebote stellt, um die 
Macht des Rechtes und der Sitte zu leugnen und schrankenlos 
das Recht der Macht zu behaupten. Und in der That kennt die 
Geschichte jener Tage eine große Zahl solcher Gewaltherrscher
        

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