Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der Humanismus in der Kunst
Person:
Kaiser, Victor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1373909
sondern gemäß der populären Natur der Rede den Menschen nur 
mit dessen Gegenteil, d. h. mit dem vergleichen, was unter den 
Lebewesen zunächst unter ihm, nämlich der Tierwelt, und nach 
der religiösen Vorstellung zunächst über ihm steht, nämlich den 
Engeln. Der Redner Pico macht den Begriff des Menschen klar, 
indem er ihn unterscheidet von dem, was er nicht ist, einerseits 
von den Tieren bloß und allein als Naturwesen, andrerseits von 
den Engeln bloß und allein als Kreaturen des schöpferischen Willens. 
Den Menschen setzt er beiden entgegen als das Kulturwesen, als 
den Gegenstand und Träger einer fortschreitenden, sich vervoll- 
kommnenden Entwickelung. Nur der Mensch kann entarten, sagt 
Pico, die Tiere entarten nicht; denn sie bringen schon aus dem 
Mutterleibe alles mit, was sie haben sollen. Auch die Engel ent- 
arten nicht, da sie von Anfang an waren, was sie in alle Ewigkeit 
sein werden. Daher begrüßt Pico den neugeschaifenen Adam mit 
den Worten, die er dem Schöpfer in den Mund legt: Du kannst 
zum dumpfen Tier entarten, du kannst dich aber auch zum gött- 
lichen Wesen hinauflautern kraft deines freien Willens; denn du 
bist dein eigener selbstherrlicher Bildner und Ueberwinderfi Diese 
Gedanken Picos von Mirandola bilden zwar auch den Ausgangs- 
punkt für Michelangelos schönste malerische Komposition an der 
Decke der sistinischen Kapelle in Rom, die Menschenschöpfung 
und den Sündenfall, und der Künstler beleuchtet seinen Adam 
auch durch das fremde Licht, das von den Engeln als Dienern 
und Begleitern des Schöpfers auf die frei beseelte Menschengestalt 
zurückfallt. Allein Michelangelo macht das Wesen des Menschen 
nicht bloß klar durch sein Gegenteil, sondern auch deutlich dadurch, 
dalä er es in sich selbst bestimmt in der Totalität des menschlichen 
Strebens, nicht bloß in dem, was der Mensch ist, sondern auch 
in der Art, wie er sein soll. Er ergänzt den Humanismus Picos 
 eben durch die Rückkehr zur Antike, und zwar zur platonischen 
Philosophie, und erst dadurch macht er ihn zum wahrhaft philo- 
sophischen Humanismus. 
Inmitten einer Engelschar schwebt der Schöpfer zu der schräg 
auf dem Felsen hingelagerten Gestalt des Adam heran und voll- 
zieht das Werk der Beseelung. Staunen und Bewunderung erregt 
den Engeln die freiwollende Menschengestalt, sie selbst haben nicht
        

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