Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1363288
XXIII. 
Schönheit und Charakteristik. 
In analoger Weise als der Streit zwischen Idealismus und 
Realismus dürfte sich der, nicht damit zusammenfallende aber sich 
damit verflechtende, Streit zugleich klären und erledigen, ob die 
Kunst mehr auf Schönheit oder Charakteristik zu gehen habe, und 
wiefern das Charakteristische selbst zum Schönen zu rechnen sei. 
Charakteristisch nennen wir überhaupt die Darstellung 
eines Gegenstandes, insofern sie die Momente, die ihn von andern 
unterscheiden, wahr und deutlich, doch ohne Uebertreibung, zur 
Geltung bringt, denn durch Uebertreihung wird die Charakteristik 
zur Caricatur. 
Eine gelungene Charakteristik gewahrt zwei wichtige ästhe- 
tische Vortheile, einmal, dass sie durch Erfüllung der Wahrheits- 
foderung direct zum unmittelbaren Gefallen an einem Werke bei- 
trägt, zweitens, dass sie der Monotomie entgegenwirkt, welche um 
so leichter Platz greift, je mehr unterscheidende Züge der Gegen- 
stände weggelassen und diese durch Beduction auf einen allge- 
meinen Typus einander verähnlicht werden. 
Insofern nun schön im weitsten Sinne heisst, was un- 
mittelbar Gefallen weckt, eine gelungene Charakteristik aber 
hiezu beitragen kann, wird sie auch zwar nicht als Schönheit 
schlechthin, aber zu den Schönheitsbedingungen zu rechnen sein, 
was nicht hindert, dass sie in Conflict mit andern Bedingungen 
treten kann. Ist ein Gegenstand an sich selbst hässlich, so muss 
er, um charakteristisch dargestellt zu werden, auch als hässlich 
dargestellt werden; und dann kann uns die Darstellung zwar 
durch ihre Wahrheit gefallen, aber durch ihren Gegenstand miss- 
fallen. Und so kann die Charakteristik überhaupt zwar nicht der 
Schönheit einer Darstellung im weitsten Sinne, in deren Be- 
dingungen sie vielmehr mit eingeht, aber den Bedingungen, die 
ausser ihr zur Schönheit beitragen, gegenübergestellt werden. Da 
man nun für die Schönheit abgesehen von Charakteristik eben auch 
kein anderes Wort als Schönheit hat, so kommt hiedurch die Ge- 
genüberstellung der Charakteristik gegen die Schönheit in einem 
engern Sinne derselben, der die Charakteristik davon absondert, 
zu Stande. Ob man aber nach dem weilern Sinne der Schönheit 
die Charakteristik unter deren Bedingungen mit einrechnen oder
        

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