Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1363279
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dass er, wie von der Anschauung ausgehe, so auch dabei verharre, weder 
wie die wissenschaftliche Betrachtung von da zum Begriffe aufsteige [was 
unstreitig keinen Widerspruch leidet], noch sich von der ästhetischen Em- 
pfindung befangen lasse, nicht Reinheit, Reichthum, Fülle der Anschauung 
dadurch beschränken, noch Besonnenheit, Klarheit stören lasse (S. 5 B129 ff). 
Während ich selbst in der von aller Bedeutung entkleideten menschlichen 
(lestalt nach ihrer rein anschaulichen Seite so zu sagen nur einen symme- 
trischen Krakel zu erblicken vermag, will der Verf. überhaupt von einer, 
über die reine Anschauung hinausgehenden, Bedeutung der Dinge in der bil- 
denden Kunst abstrahirt haben (S. 50. 51). Dieselbe Anscbauungsweise, die 
das Kind hat, ehe sie bei ihm durch Gewöhnung an begriffliche Betrach- 
tungen verkümmert ist, findet sich nach dem Verf. im Künstler nur gestei- 
gert, ausgedehnt, zu grösserer Klarheit entwickelt. Damit ignorirt oder ver- 
wirft der Verf. factisch, wie jetzt in Kunslkreisen allgemein üblich, das von 
uns für so wichtig gehaltene Associationsprincip, und die ganze (nichts weni- 
ger als begriffliche) Entwicklung, welche das Bewusstsein des Künstlers mit- 
telst desselben über das Kind hinaus zu nehmen hat, um dem im gleichen 
Sinne entwickelten Erwachsenen noch etwas bieten zu können. Die ästhe- 
tische Empfindung, wie sie sonst gewöhnlich zum Genusse des Schönen ge- 
rechnet und verlangt wird, schliesst der Verf. ausdrücklich von den richtig 
leitenden Momenten beim Schaffen des Künstlers und der Beurthcilung der 
Kunstwerke, wie vom Wesen des eigentlichen Kunstgenusses aus, [was doch 
wohl Vielen zu stark sein dürfte,] kennt hiegegen (S. 28) neine Lust, eine 
Freude an dem lebendigen Sein der Dinge, die über Unterschieden, wie dem 
von schön und hässlich steht, es ist ein Erfassen nicht einzelner, der Em- 
pfindung sich enthüllender, Eigenschaften, sondern der Natur selbst, die sich 
erst nachher als die Trägerin jener Eigenschaften beweista; was mir etwas 
mystisch erschienen ist; aber etwas Mystik istja überhaupt den herrschenden 
Kunstansichten nicht fremd (vgl. S. 43). Ohne auf den Streit der Formästhe- 
liker und Gehaltsästhetiker einzugehen, erklärt sich der Verf. doch entschie- 
den im Sinne der erstern. 
Es ist mit einem Worte eine Vertretung der herrschenden Kunstansicli- 
ten mit einem in weiten Kreisen willkommen erschienenen Versuche einer 
Vertiefung derselben, der aber mit dem, in vorliegender Schrift von uns ge- 
machten Versuche, den Absichten und Mitteln der Kunstleistung und Kunst- 
Wirkung auf den Grund zu gehen, kaum-irgendwo zusammenstimmt.
        

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