Volltext: Vorschule der Aesthetik (Theil 2)

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wollen, heisst ihr Wesen aus ihr wegbriugen; diese Mystik aner- 
kennen, ist ein Theil des Verständnisses, sich dieser Mystik hin- 
geben, ein Theil des Genusses der Kunst. 
Waren diess nicht genaudie Worte, so war es doch der Sinn 
der Ansicht meines Kunstfreundes; und läge nicht viel Richtiges 
darin, so würden nicht so Viele sich factisch und praktisch dazu 
bekennen. Aber sollten wir wirklich in unsrer Frage blos auf 
Autorität und Mystik verwiesen und gar keine Gesichtspuncte 
angebhar sein, welche hinter die Autorität zurückgehen, auf die 
sich jede weitgreifende Verirrung des Geschmacks berufen kann"? 
Suchen wir doch bestimmtere Anhaltspuncte in Sachen unsrer 
Frage zu gewinnen, wobei sich Gelegenheit finden wird, auch das 
Recht der vorigen Betrachtungsweise, so weit solches besteht, an- 
zuerkennen und selbst hervorzuheben. 
Vor Allem nun ist festzuhalten, dass jede Abweichung der 
Kunst von der Natur noch eines andern Motivs bedarf, als dass die 
Kunst überhaupt von der Natur abzuweichen, das Kunstwerk den 
Stempel des schaffenden Künstlergeistes aufzuweisen habe, um 
sich als Kunstwerk zu beweisen, da sonst jede Phantasterei in der 
Kunst gerechtfertigt wäre. Jede Abweichung der Kunst von der 
Naturwahrheit hat gewisse Nachtheile, die nur zu dulden sind, 
wenn sie durch grössere oder höhere Vortheile überwogen wer- 
den, wonach es gilt, sich Nachtheile und Vortheile klar zu machen. 
Wird nun auch die letzte praktische Abwägung beider immer 
Sache des Künstler- und Kennergefühles bleiben, so wird es doch 
Sache klarer Einsicht sein, die dazu gehörigeniGewichte besonders 
vor Augen zu haben. Denn so schwer es sein mag, eine Wage 
sicher zu gebrauchen, ist sie doch gar nicht zu gebrauchen, wenn 
man nicht einmal die zur Abwägung dienenden Gewichte kennt. 
Sprechen wir zuerst von den Nachtheilen.  
Indem alle Werke der bildenden Kunst etwas über ihre sinn- 
liche Erscheinung hinaus bedeuten und ihren Hauptinhalt in 
dieser Bedeutung haben (Th. 1., Abschn. IX. S. 416), besteht ein 
Theil der Abweichungen der Kunst von der Natur darin, dass sie 
uns die natürlichen Mittel zur Anknüpfung gegebener Bedeutungen 
unvollständig, verkürzt, abgeschwächt wiedergiebt, so, wenn die 
Plastik bei den Statuen die Farbe, die Malerei von den Gestalten 
das Relief weglässt, beide von einer ganzen Handlung nur einen 
Moment geben. Ein andrer Theil der Abweichungen besteht darin,
	        
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