Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1363009
XXII. Ueber die Frage, wiefern die Kunst von der 
Natur abzuweichen habe. Idealistische und realistische 
Richtung. 
Nach der, im vorigen Abschnitte behandelten, Streitfrage fas- 
sen wir eine andre, zwischen Aesthetikern so wie Kunstkennern 
und Künstlern viel verhandelte, an praktischer Wichtigkeit die 
vorige weit übertreffende, Frage ins Auge, welche wie die vorige 
von philosophischen Aesthetikern auf die gesammten Künste aus- 
gedehnt wird, doch gleich der vorigen ihr Hauptinteresse in Bezug 
auf die bildende Kunst hat. Also soll auch folgends unter Kunst 
schlechthin nur die bildende Kunst, Malerei und Plastik, im Auge 
gehalten werden , indess wir unter Natur die Wirklichkeit gegen- 
über oder abgesehen von Kunst verstehen , woraus die Kunst ihre 
Formen entlehnt ohne sich streng daran zu halten. Die Frage nun 
ist: worin liegt der Gesiehtspunct ihrer Abweichungen davon und 
wie weit dürfen sie gehen? Von vorn herein stellen sich doch die 
bildenden Künste die Aufgabe, etwas von dem, was nicht Kunst 
ist, abzubilden, warum bilden sie es nicht getreu ab"? 
Bei der Musik und Architektur kann Niemandem so leicht eine ent- 
sprechende Frage einfallen, weil es in diesen Künsten von vorn herein nicht 
eben so darauf abgesehen ist, etwas ausserhalb der Musik und Architektur 
schon Vorgegebenes abzubilden; wenn schon es Aesthetiker giebt, welche zu 
Gunsten ihres allgemeinen Begriffes von Kunst diesen Künsten dieselbe Auf- 
gabe als eine gleich fundamentale wie den bildenden Künsten zuerkennen 
möchten. Nun begegnen sich freilich Musik und Architektur mit der Natur in 
gewissen Beziehungen; eine lustige und traurige Musik hal etwas gemein mit 
dem natürlichen Ausdrucke der Lustigkeit und Traurigkeit durch die Stimme, 
und ein Haus muss so gut hohl sein wie eine Höhle. Aber nicht nur bilden 
beide Künste die rohen Elemente, die sie von der Natur empfangen, sofort 
ohne Anschluss an ein natürliches Vorbild um, den thierischen Laut der Em- 
pfindung endlich bis zur Symphonie, die Höhle zum Palaste, sondern die 
Musik tritt auch mit Melodie und Harmonie, die Architektur mit Gliederung 
und Verzierung so ganz und so prineipiell aus dem Bereiche der natürlichen 
Vorbilder heraus, dass es in der That den Eindruck der Geschraubtlieit 
macht, für diese Künste den Gesichtspunct der Abbildliclikeit noch eben so 
wie für die bildenden Künste fundamental festgehalten zu finden. Hiegegen 
beschränkt sich die bildende Kunst von vorn herein und durch ihre ganze 
Entwicklung der Hauptsache nach aufWiedergabe von gegebenen Formen; in 
ihren höchsten Werken sieht man noch Menschen und Scenen zwischen 
solchen abgebildet, nur nicht ganz so wie sie in Wirklichkeit vorkommen,
        

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