Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362862
 
deutendsle, ja selbst an sich nicht zusagende Stoll" durch künst- 
lerische Darstellung hohen Reiz erlangen kann. Man denke z. B. 
an den Barberinischen Faun. 
lm Allgemeinen ist der Inhalt der Kunstwerke der Kunst nicht 
eigenthümlich, sondern ihr mit dem Leben, der Geschichte, der 
Sage, dem Mythus, der Wissenschaft gemein. Es ist keine Kunst, 
ihn daraus zu entnehmen, sondern ihn erstens so zu fassen, dass 
er sich einer schönen Darstellungsform fügt, was Sache der künst- 
lerischen Conception ist, zweitens ihn in dieser Form darzustellen. 
Den Werth eines Kunstwerkes kann-nicht das ausmachen, was 
man ohne die Kunst schon hat, sondern was die Kunst zur Werth- 
vermehrung hinzufügt, oder als W erth daran erst schafft. 
Viele Darstellungsstoife von bedeutendem Inhalt, namentlich 
solche von religiöser oder mythologischer Natur, sind zugleich 
fruchtbar hinsichtlich der Möglichkeit schöner, grossartiger, stil- 
voller und charakteristischer Darstellungs- und Zusammenstellungs- 
formen, und insofern wichtige Gegenstände der Kunst. Doch 
wird ihr Werth für die Kunst vom Gehaltsästhetiker theils über- 
trieben, theils aus einem falschen Gesichtspuncte aufgefasst, in- 
dem er nicht im Werthe der Form aufgehend gedacht, sondern 
selbständig geltend gemacht wird. Um so leichter vermischt und 
verwechselt das Laienpublicum das unkünstlerische Interesse am 
Inhalte eines Kunstwerkes mit dem Kunstinteresse. Der rechte 
Künstler aber vermag an ganz unbedeutenden Gegenständen leicht 
die grösste Kunst zu beweisen, indem er ihnen durch charakte- 
ristische und stilvolle Behandlung ein Interesse verleiht, was mit. 
dem ihres Inhaltes ganz incommensurabel ist. Auch macht sich, 
dieser Massstab praktisch bei den Preisen der Kunstwerke geltend. 
Sie werden nicht, und zwar mit Recht nicht, nach dem Werthe 
der darin zur Darstellung kommenden Idee, sondern dem NVerthe 
der von der Kunst abhängigen Darstellungsform bezahlt. 
Zwar ist dem religiösen Bilde nicht zu wehren, Andacht zu 
erzeugen; im Gegentheile solles, namentlich als Kirchenbild, ausser 
seinem Kunslzwecke noch einem andern Zwecke entsprechen; nur 
liegen beiderlei Zwecke ganz auseinander und hat die Andacht, 
welche die Beschäftigung mit dem Inhalte des Bildes hervorzurufen 
vermag, mit dem Kunstgenusse daran nichts zu schaffen; _ja je 
mehr jemand beim Beschauen eines religiösen Bildes sich der An- 
dacht hingiebt, desto mehr tritt das Kunstinteresse am Bilde, hie-
        

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