Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1365053
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Periode des Aufsteigens dabei, falls beide Wirkungen nicht zu weit 
in der Zeit auseinanderliegen und die Nachwirkung der ersten 
Wirkung nicht durch zwischenfallende Wirkungen aufgehoben 
wird. 
In vielen Fällen aber kann sich die Epoche des Aufsteigens der 
Wirkung in einen so kurzen Moment zusammenziehen, dass gleich 
der erste Eindruck als der stärkste erscheint; daher man häufig 
sogar geneigt ist, Frische und Stärke des Eindrucks für solidarisch 
zu halten, was doch nicht allgemein, und in aller Strenge sogar 
nirgends, als richtig gelten kann. Denn was auch Gefallen oder 
Missfallen durch seine Einwirkung auf uns wecken mag; ein un- 
theilbarer Moment der Einwirkung reicht nicht hin, .es in vollem 
oder nur in merklichem Grade auszulösen. Ja es giebt Fälle, wo es 
einer längeren Fortsetzung oder öfteren Wiederholung des Beizes 
oder einer Uebung in Auffassung desselben bedarf, um den Ein- 
druck zur vollen Stärke zu bringen. 
Namentlich sind es feinere und höhere Eindrücke, welche uns 
weder bei ihrer ersten Begegnung noch in den ersten Momenten 
ihrer Wirkung, wofern nicht hinreichende Uebung vorausgegangen 
ist, am stärksten afficiren, indem die Aufmerksamkeit erst in Bezug 
darauf gespannt, das Auffassungsvermögen geübt werden muss. 
Der Begriff der Uebung in Auffassung von Eindrücken aber liegt 
darin, dass durch fortgesetzte oder wiederholte Aufmerksamkeit auf 
feinere Modificationen oder höhere Beziehungen in einem gegebenen 
Gebiete die feinere Auffassung derselben erleichtert wird. Ohne 
vorausgegangene Uebung entgehen daher dem Menschen viele feinere 
und höhere ästhetische Eindrücke, indess es eine hinlängliche 
Uebung dahin bringen kann, dass der Eindruck selbst sehr feiner 
Modificationen und hoher Beziehungen in' den ersten Momenten 
scheinbar unmittelbar zur vollen Stärke gelangt, die er überhaupt 
zu erlangen vermag, 
Es lässt sich jedoch der ästhetische, gleich viel ob niedere oder 
höhere, Eindruck durch Verlängerung oder Wiederholung seiner 
äussern Ursache, kurz des Reizes, nie über gewisse Gränzen stei- 
gern. Fährt vielmehr der Reiz nach Eintritt der vollen Stärke seiner 
Wirkung fort, in derselben oder einer ähnlichen Art einzuwirken 
oder sich zu wiederholen, und hat sich nicht etwa durch eine län- 
gere Zwischenzeit die ursprüngliche Empfänglichkeit merklich 
wiederhergestellt, so mindert sich der Eindruck, was man als 
Fechner, Vorschule d. Aesthetik. II. 46
        

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