Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362848
XXI. Ueber den Streit der Forlnu-Xesthetiker 
und Gehalts-Aestheüker in Bezug auf die bildenden 
Künste. 
Es giebt einen sehr allgemeinen, auf die ganze Aesthetik be- 
züglichen, also auch Musik und Baukunst mit in sein Bereich- 
ziehenden, Streit zwischen den philosophischen Aesthetikern, 
welcher Kürze halber als Streit der Form-Aesthetiker und Gehalts- 
Aesthetiker bezeichnet wird, den ich aber hier zur Concentrirung. 
des Interesses und zu leichterer Vermeidung abstruser Gesichts- 
puncte, in der Beschränkung auf das Gebiet der bildenden Künste 
betrachten werde, sollte auch dabei die Fühlung mit dem philoso- 
phischen Streite, wie er neuerdings namentlich zwischen Vischer- 
und Zimmermann geführt wird, etwas verloren gehen. Ausserhalb 
der philosophischen Aesthetik wird doch der Streit hauptsächlich 
in der hier eingehaltenen Beschränkung geführt und kommen die- 
hier anzuführenden Gesichtspuncte theils zurSprache, theils schei- 
nen sie mir zur Sprache zu bringen. 
Der Streit geht um folgende Frage: kommt bei dem Werthe 
eines Kunstwerkes als solchen etwas Wesentlich auf die Beschaffen- 
heit des lnhaltes, den es darstellt, den Werth der Idee, die sich 
darin ausspricht, nicht vielmehr Alles auf die Form an, in welcher- 
der lnhalt sich darstellt, und Womit der Künstler die Natur bis zu 
gewissen Gränzen charakteristisch wiederzugeben, darüber hinaus- 
aber zu überbieten hat. Soll hienach das Trachten des Künstlers 
vielmehr dahin gehen, irgend einen lnhalt, eine Idee in schöner- 
Form auszudrücken, ihm jeder Stoff-recht sein, der sich so aus- 
drücken lässt, und soll er selbst die natürliche Form der Gegen- 
stände in diesem Sinne abändern, nur ohne der Charakteristik zu 
viel zu vergeben; oder dahin, einen werthvollen oder mindestens 
interessirenden Inhalt, Stoff in irgend einer Form auszudrücken, 
die denselben klar und eindringlich für das Bewusstsein heraus-e 
stellt, und ihm jede Form recht sein, die solchem Zwecke genügt. 
Der Beschauer, soll er, um den rechten Kunstgenuss zu haben, 
seinen Geschmack in solchem Sinne bilden, dass er vielmehr vom 
lnhalt oder dass er vielmehr von der Form angesprochen wird; 
und der Kritiker sein Urtheil vielmehr nach dem Werthe des In- 
haltes, den die Form treffend ausdrückt, oder der Form, in der er
        

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