Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1364937
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weisses. Schon kleinen Mädchen gewöhnt man durch das weisse 
Kleid die Reinlichkeit an; bei Knaben aber WäPB es umsonst, und 
so lasst man sie lieber in dunkler Kleidung mit dem Strassenstauhe 
verkehren. Nicht bloss Frauen, auch Engel kleiden sich in Betracht 
ihrer Unschuld und weil sie keine individuellen Neigungen haben, 
gern in Weiss und würden es noch öfter thun, wenn nicht die 
Maler ihren Farbensinn oft sehr verkehrt an ihnen beweisen woll- 
ten und sie daher nach Möglichkeit herausputzten. 
Bei allem Wechsel des Kleides zwischen verschiedenen Far- 
ben, Schwarz und Weiss ist die Leib-, Bett- und Tischwäsche für 
Mann und Frau und Kind bei jeder reinlichen Nation ü) immer 
Weiss geblieben; an dieser Felsenfestigkeit bricht sich alle Mode; 
trotzdem, dass es weniger Wäsche federn würde , wenn man 
weniger Weiss dazu foderte. So stark überwiegt die Federung des 
Eindruckes der Reinlichkeit die äussere Zweckrücksicht. Nirgends 
aber macht sich auch diese Federung so energisch als in diesem 
Falle geltend und geht so lebhaft in das associative Gefühl ein. 
Auf Frauen namentlich übt weisse Wäsche eine Art Zauber laus, 
wodurch ihnen die sinnliche Oede des Weiss verklärt wird. XVas 
dem Bankier ein Iclaufen Goldes, ist der Frau ein Haufen weisser 
Vfäsche vor den Augen, indem sie nicht blos den Eindruck der 
Reinlichkeit des Zeuge-s selbst, sondern den eines ganzen Men- 
scheu, einer ganzen Wirthschaft dadurch empfängt. 
 Bei Tischzeug aber tritt zum Motiv der Reinlichkeit noch ein 
andres Motiv hinzu, das Weiss vor Farben zu bevorzugen, dass es 
nämlich beim Gebrauch des Tischzeuges ausdrücklich vielmehr auf 
Beschäftigung des Geschmacksinnes als Gesichtsinnes abgesehen 
ist. Nun könnte man Schwarz in dieser Hinsicht als noch weniger 
störend vorziehen wollen. Aber theils würde Schwarz die Asso- 
-ciation der Reinlichkeit nicht in gleichem Grade mitführen, theils 
kann unter Umständen die Mitanrcgung des einen Sinnes, falls sie 
nur nicht zum Uebergewicht gedeiht, die des andern unterstützen. 
Ein Concert hört man desshalb lieber im Hellen als im Dunkeln, 
und so wird man auch lieber von einem weissen als schwarzen 
Tischtuche speisen. 
So sehr nun Weiss 
in 
allen Fällen als Zeuge der Reinlichkeit 
n; Die in ihrer Wäsche sehr unreinlichen und selten dieselbe wechseln- 
dcu Perser tragen hiegegen grossenllmeils dunkelblaue haumwollene Hemden.
        

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