Volltext: Vorschule der Aesthetik (Theil 2)

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oder eines haltbaren Princips entbehrende, die man geneigt ist, bei 
den Alten vorauszusetzen oder zu finden; aber allerdings nicht 
eben so zweifellos, ob nicht eine ganz weggelassene Bemalung der 
auf Naturwahrheit zielenden vollen wie halben zugleich vorzuziehen, 
und um diese, ästhetisch wie praktisch jedenfalls wichtige, Frage 
soll es sich im Folgenden handeln. 
Der Maler Ed. Magnus bezeichnet in s. Schriftchen vDie Polychromie vom 
künstlerischen Standpuncte. Bonn 4872m die naturwahre Polychromic 
der Statuen wiederholt als gänzlich zu verwerfende nBarbareiu, vermag aber 
keinen andern Grund dafür geltend zu machen (S. 42. 42), als den land- 
läufigen unten zu betrachtenden, dass die Statue, je näher man mit der Be- 
malung der Natur komme, so mehr den zurücksehreckenden Eindruck der 
Wachsfigur mache, überhaupt ein Zuviel für die Kunst sei, der es auf voll- 
kommene Täuschung nicht ankommen dürfe. Inzwischen widerstrebt ihm 
die monotone Weisse des Gipses und Marmors , und er glaubt, dass sich auf 
künstlichem Wege eine Art Patina müsse darstellen und kunstvoll in nhar- 
inonischen Gcgensätzenn verthcilen lassen, welche diesen Mangel in vortheil- 
hafterer Weise, als die durch Zufall entstandene natürliche Patina abzuhelfen 
vermöge, gesteht aber (S. 28 s. Schr.), dass ein eigener in dieser Richtung 
angestellter Versuch ihn noch zu keinem befriedigenden Resultat geführt 
habe. 
Es ist instructiv, diesen Versuch zu lesen, indem man daraus sieht, wie 
die verschiedenen Theile des Körpers ihr Recht besonderer Färbung beim 
Künstler geltend gemacht haben, ohne dass er ein zulänglicbes Prineip der 
ihnen zuzuweisenden Färbung zu finden weiss, natürlich, weil er das einzige, 
was möglich ist, wenn den Statuen einmal Farbe gegeben werden soll, für 
barbarisch hält. Er sagt: 
nWeit entfernt, naturähnliche Bemalung zu versuchen habe ich mich be- 
gnügt, gleich, als ob das Werk aus zwei- oder dreierlei Material zusammen- 
gesetzt wäre, das Fleisch gelblich, und das Gewand blau oder roth zu tönen. 
Aber! siehe da! alsbald stellte sich ein Gefühl der Leere ein; ich empfand, 
dass es nicht angehen werde, dabei stehen zu bleiben. Das Haupt, der Kopf 
der menschlichen Erscheinung sah verlassen aus! Haar, Lippen, besonders 
aber das Auge, sie verlangten mahnend ihr Recht, sie sahen neidisch nach 
der Farbe, ja sogar nach dem geringsten Goldornament sahen sie verlassen 
mahnend hin. Sie wollten nicht nur nicht vergessen  sie wollten die Er- 
sten sein in der Auszeichnung, und zwar aus zwiefachen Gründen: einmal, 
weil sie, weil Auge, Mund und Haar von der Natur selbst durch entschieden 
dunkleren Farbenton ausgezeichnet sind vor dem ganzen übrigen Körper, 
zweitens: weil Auge und Mund  Leben strahlend und athmend, auch zu- 
nächst und zumeist den Blick des Beschauenden auf sich hinziehen. Sobald 
nur an irgend einer Stelle der monotonen Sculptur ein zweiter Farbenton an- 
geschlagen wird, so verlangen Haar, Augen, Mund ßtC- ihr Recht. Daher 
erklärt sich jene gewisse tinausfüllbare Leere, die man allemal bei Sculpturen
	        
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