Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362806
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Von vorn herein erscheint es natürlich, von der Idee oder all- 
gemeinen Stimmung, welche ein Kunstwerk beherrscht, einen 
lustvollen Charakter zu fodern, damit das Kunstwerk im Gan- 
zen einen lustvollen Eindruck mache, womit doch von andrer 
Seite in Widerspruch scheint, dasswir uns Trauermärsche, traurige 
Lieder, Tragödien, Romane, Welche traurig abschliessen, ganz gern 
gefallen lassen. Aber wir würden sie uns nicht gefallen lassen, 
wenn sie uns nicht doch im Ganzen gefielen. Wie diesen Wider- 
spruch heben"? 
Hauptsächlich ist es der Gesichtspunct der Versöhnung, in 
dem die Erklärung liegt, einer Versöhnung, die theils in der Idee 
der Darstellung selbst begründet sein kann, sofern der traurige 
Abschluss so zu sagen als Negation zweier Uebel durch einander 
erscheint, wohin die Idee der strafenden Gerechtigkeit gehört, 
theils darin, dass eine traurige Stimmung sich durch den ange- 
messenen Ausdruck der Trauer vielmehr erleichtert als verstärkt, 
und wir, wenn wir keinen objectiven Anlass zur eignen Trauer 
haben, diese versöhnende Kraft des Ausdrucks leicht mit stärkerer 
Lust empfinden, als die Unlust der traurigen Stimmung, in die wir 
uns dabei gewissermassen nur äusserlich versetzen. Ueberhaupt 
liehen wir mitunterlaufend starke reoeptive Erregungen und eine 
Abwechslung in der Art dieser Erregungen; dazu gehört aber, uns 
mitunter in eine sich irgendwie versöhnende traurige Stimmung 
zu versetzen. Immer liegt doch in der traurigen Idee oder Ver- 
setzung in eine traurige Stimmung ein Anlass zur Unlust, der 
überwunden werden muss, soll nicht das Wohlgefallen am Ganzen 
verkümmern; daher ja so Manche von traurigen Melodieen und 
'I'rauerspielen nichts wissen wollen, indem die Versöhnung des 
Unlust-Anlasses sich bei ihnen nicht wirksam genug vollzieht. 
Auch würde man ja sehr irren, wenn man das Gefallen, was man 
an einem traurig abschliessenden Roman oder Drama hat, allein 
auf die oft in der That nicht sehr kräftig wirkende Idee der Ver- 
söhnung des Schlusses schieben wollte; vielmehr ist es die Be- 
schäftigung mit dem ganzen Gange des Drama's oder Bomanes, 
was hiebei hauptsächlich inBetrachtkommt, ohne zu hindern, dass 
man einen Fehler darin zu sehen hat, wenn das Werk durch Ab- 
schluss in einer unversöhnten Idee einen bittern Nachgeschmack 
hinterlässt. In der That genügt das Factum solcher Werke nicht 
zur Rechtfertigung derselben; vielmehr gehört der versöhnende
        

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