Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362780
44 
wie jede Erkenntniss von Momenten und Gründen dessen, womit 
wir zu schaffen haben, im Allgemeinen bei, den Geist zu klären 
und zu läutern, sondern hat auch seine Rückwirkung auf die ästhe- 
tische Empfindung selbst, sofern eine öftre Uebung, ästhetische 
Vorzüge und Nachtheile zu erkennen, solche allmälig auch dem 
Gefühle geläufig macht und ihre Wirkung von einem auf das andre 
Werk überträgt. Ja man kann in der verstandesmässigen Beschäf- 
tigung mit Kunstwerken selbst einen Genuss eigner Art finden, der 
beim sog. Kenner sogar oft das Hauptbestimmende seines Inter- 
esses für die Kunst ist. Und gewiss wird der sich länger durch 
ein Kunstwerk unterhalten finden, der sich nicht blos passiv und 
kritiklos dem Eindruck desselben hingiebt, sondern auch nach den 
Gründen desselben und seiner Berechtigung fragt, indess freilich 
der, Wer ohne die Basis eines rein und unbefangen in sich aufge-v 
nommenen Eindruckes immer gleich analysirend und mäkelnd an 
das Kunstwerk gehen will, nicht nur den Zweck der Kunst, 
sondern auch den rechten Ausgangspunct kritischer Betrachtung 
verfehlt. 
Im Allgemeinen macht jedes Kunstwerk gleich beim ersten 
Ueberblick einen gewissen Totaleindruck im Sinne vorwiegenden 
Gefallens oder Missfallens, und zumeist, wenn schon nicht immer, 
stimmt damit der Eindruck des letzten Blickes oder Bückblickes, 
den wir auf das Werk Werfen, überein. Geht man nun an die 
Analyse, so hat man vor Allem die Gründe der vorwiegenden 
Richtung dieses ersten Eindruckes aufzusuchen, wodurch man am 
natürlichsten in die Analyse des ganzen Werkes eingeführt wird, 
_hat aber dabei nicht blos kritisch gegen das Werk sondern auch 
gegen sich selbst zu verfahren. Jedes Kunstwerk bietet viele Sei- 
ten und Gesichtspuncte der Betrachtung dar, und nicht leicht ist 
Jemandes Geschmack so vielseitig und vollkommen ausgebildet, 
dass er im ersten Ueberblick von Allem, was zum Totaleindruck 
beizutragen hat, diesen Eindruck wirklich empfängt. Der Eine 
sieht ein Bild zuerst und zumeist auf seine Farbestimmung, der 
Andre auf den Stil, der Dritte auf die Schönheit oder den Ausdruck 
der Figuren, der Vierte auf Geschick und Geist der Composition, 
der Fünfte auf die gelungene Charakteristik, der Sechste auf den 
Werth oder das Interesse der Idee, der Siebente auf die Vollendung 
der Technik und der Achte auf die Gorrectheit an. Alles das hat im 
Grunde zum Totaleindruck zusammenzuwirken, wirkt aber nicht
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.