Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1364215
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eine Nachahmung göttlichen Schaffens betrachtet, sofern Gott den 
von ihm geschaffenen Künstler mit einem Funken seiner eigenen 
Schöpferkraft begabt habe. 
Hienach ist die Schöpfung alles Schönen von Grund aus bis 
zur höchsten Spitze und weitesten Umfassung ein Werk der Phan- 
tasie. Schön ist überhaupt etwas, insofern es die Entstehungs- 
weise aus der göttlichen Phantasie oder im Sinne derselben fort- 
schaffenden menschlichen Phantasie aufweisen kann. Insofern aber 
die göttliche Phantasie sowie die Phantasie eines vollendeten 
Künstlers in Schöpfung des Schönen als eine wahrhaft frei und 
harmonisch thätige bezeichnet werden kann, lässt sich auch der 
Rückgang bis zur göttlichen Phantasie in der Begriffsbestimmung 
des Schönen dadurch umgehen und damit denen genug thun, die 
diesen Rückgang zu mystisch finden, dass man die Eigenschaft 
einer wahrhaft freien und harmonischen Bethätigung von der Phan- 
tasie zur Schöpfung des Schönen verlangt; nur dass man dann 
beim Naturschönen darauf beschränkt bleibt, eine receptive Seite 
der Bethätigung der Phantasie durch das Schöne geltend zu machen, 
um den Bezug seines Begriffes zur Phantasie festzuhalten, oder das 
Naturschöne vom Begriffe des Schönen überhaupt auszuschliessen. 
Mit der Erzeugungsweise des Schönen durchl die Phantasie 
hängt nämlich eine, für das Schöne nicht minder wesentliche, 
Rückwirkung desselben aufdie Phantasie zusammen, sofern sich 
die Phantasie des das Schöne Geniessenden entsprechend in der 
Anschauung, Aufnahme, Aneignung des Schönen frei und harmo- 
nisch zu bethätigen hat, als der Schöpfer desselben in der Pro- 
duction, indem sie sich theils frei darein versenkt, theils ein freies 
und harmonisches Spiel daran knüpft. 
Nun kann zwar die menschliche Phantasie auch Ungeordnetes, 
ja Hässliches erzeugen und Hässliches die Phantasie beschäftigen, 
wodurch in der That das Hässliche mit dem Schönen unter den- 
selben sehr allgemeinen Gesichtspunct gebracht und zum gemein- 
samen Objecte der Aesthetik erhoben wird; bei beiden spielt doch 
Phantasie die wesentliche Rolle. Ein Unterschied des Schönen vom 
Hässlichen bleibt aber in der Weise der Phantasiebethätigung 
bestehen, indem eine das Hässliche erzeugende oder durch das 
Hässliche beschäftigte Phantasie vielmehr zügellos als frei, dishar- 
monisch als harmonisch, n i c h t in der Weise der göttlichen Schöpfer- 
thätigkeit noch vollendeten Künstlerthätigkeit thätig ist. Dass Vie-
        

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