Volltext: Vorschule der Aesthetik (Theil 2)

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fühle, welche durch Gedichte erweckt werden können, sind nur 
Abklänge derer, welche das Leben selten mit solcher Reinheit und 
Einstimmigkeit, aber mit unverhältnissmässig grösserer Kraft zu 
erwecken vermag. Auch gibt es eine Poesie des Lebens wie der 
Worte. Zwar zwischen unsern Geschäften, zwischen Büchern, 
Akten, Dampfmaschinen, bei unseren conventionellen Regeln und 
Gesprächen, unserer Schulbildung durch Wortformen, verlernen 
wir leicht ganz, dass es eine solche giebt, und glauben leicht, was 
Poesie ist, sei nur in den Büchern, die von Göthe, Schiller, Uhland, 
Heine herausgegeben sind, zu finden, die doch selbst erst aus der 
Poesie des Lebens geschöpft haben. Erinnert sich aber nicht der 
Eine oder Andere einer Zeit, wo er selbst unmittelbar aus dem 
Leben schöpfte , was er in der Poesie der Dichter nur wieder ge- 
schöpft fand. 
Es reist jemand durch die Berge; er ist gesund, sein Sinn 
ist offen, die grosse und mannigfache Natur, die Einfachheit 
und doch Neuheit der Sitten des Volkes, die wechselnde Reise- 
gesellschaft, die Alpenwirthschaft, das braune ltiädchen, der son- 
derbare Engländer, das Einschlafen beim Rauschen des Waldes, 
beim Rieseln der Bergwässer mit dem Gedanken an die Heimath, 
mit der Erwartung der Scenen des folgenden Tages, am Morgen die 
frische Bergluft, die aufsteigende Sonne, der Duft der Kräuter, die 
Kraft der Glieder, die innere Lust; ist die Gesammtwirkung davon 
nicht auch Poesie, und wer wird diese Poesie der Wirklichkeit für 
das schönste Gedicht geben wollen. 
Und doch verkennen wir auch wieder nicht die Vorzüge des 
Gedichtes. Was ich da anführte, konnte Alles in einer Reise zu- 
sammensein und zusammenwirken, aber ist es denn so leicht der 
Fall und ist es denn so rein der Fall. Kann uns nicht das Gedicht 
alle abstumpfende Müdigkeit, alle Langeweile, alle Unreinlichkeit, 
allen Zank mit Gewinnsucht und Gemeinheit, alle Widerlichkeit 
ersparen, die wir bei der wirklichen Reise, und wäre es übrigens 
die schönste, mit in den Kauf nehmen müssen. Rein fasst es zu- 
sammen, was zu einer rein befriedigenden Wirkung auf das Ge- 
müth zusammenstimmt, begleitet es mit der Musik des Verses und 
kann als Reiselied die Reise selbst verschönern helfen. Dazu kön- 
nen wir es statt der seltenen und kostspieligen Reise in jedem 
Augenblicke umsonst haben. Und endlich können Gedichte unsere
	        
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