Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1363921
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brandt überhaupt liebt. Nur eben sahe ich ein neues Bild von 
Hofmann in Dresden, Christus vom Schiffe aus dem Volke predi- 
gend, ein in gewissem Sinne reizend schönes Bild; aber ich sahe 
eben nur Christus, der einer reizend schönen, reizend gruppirten 
Versammlung aus der Kunstwelt predigt, nicht Christus, der einem 
Volke predigt. Von Rembrandt hätte ich nicht jenen, aber diesen 
gesehen. 
Auch im Felde des Porträts wird man sich vor Exclusivität zu 
hüten haben. Ein in unserem jetzigen Sinne idealisirtes Porträt ist 
ein geschmeicheltes. Nun lässt sich zwar der Mensch im Porträt 
wie in der Rede gern schmeicheln, aber die Schmeichelei gefällt 
eben nur dem Geschmeichelten; jeder Andre zieht das wahre Por- 
trat vor. Es giebt Porträts alter Meister mit rother Nase, klum- 
pigen Gesichtszügen, verschwommenen Augen, die uns doch besser 
gefallen, die wir kunstmässig schöner finden, als die geschmei- 
cheltsten und einschrneichelndsten Porträts so mancher neuen 
Künstler. Vor Kurzem lag mir eine Sammlung von Photographieen 
nach Porträts der literarisch berühmten deutschen Frauen neuer 
Zeit vor. Bei den meisten fühlte man heraus, die Porträts seien ge- 
schmeiohelt, und blätterte mit einer Art störenden Misstrauens das 
ganze Werk durch. 
Dennoch kann auch bei Darstellung realer Persönlichkeiten 
eine Idealisirung bis zu gewissen Gränzen im Rechte sein, wenn 
nämlich die Darstellung eine monumentale sein soll, indem Monu- 
mente gewisserrnassen zugleich Apotheosen sind, und es einen ge- 
rechtfertigten Zweck haben kann, einen grossen Mann nur nach der 
Seite seines Wesens, die ihm das Monument verdient hat, für die 
Nachwelt zur charakteristischen Darstellung zu bringen. Hier mö- 
gen Züge in dieser Richtung stärker hervorgehoben, widerstrebende 
mehr gemildert werden, als es sich mit einer ganz naturwahren 
Charakteristik überhauptverträgt. Mancher Wohlthäter der Mensch- 
heit ist doch der Sinnlichkeit mehr als billig ergeben gewesen; die 
Erinnerung hieran in seinem Antlitze aufzubehalten, kann seinem 
Andenken und der Wirkung dieses Andenkens nicht frommen. 
Nur muss man sich nicht verhehlen, dass, indem man mit monu- 
mentalen Darstellungen vielmehr eine Idee, die in dem Menschen 
ihre Vertretung gefunden hat, als den Menschen selbst darstellt 
oder zwischen jener Darstellung und seiner individuell zutreffen- 
den Darstellung schwankt, die Kraft des Eindrucks, der an der
        

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