Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1363869
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dass es in massvoller Weise und ohne so tiefgreifende Schädigung 
der Charakteristik geschehe, wie man zu linden gewohnt ist. Wir 
stellen uns ja die alten Juden, die in den biblischen Geschichten 
spielen, gar nicht mit den Gesichtern der heutigen gemeinen Juden 
vor, schon desshalb nicht, weil die Maler uns gewöhnt haben es 
nicht zu thun ; aber auch wohl desshalb nicht, weil der Charakter 
der Heiligkeit jener Geschichten sich für uns in gewisser Weise auf 
das darin lebende und webende Volk im Ganzen reflectirt. Umge- 
kehrt trägt die, in veredeltem Typus gehaltene, Darstellung des 
ganzen Volkes dazu bei, Darstellungen, deren Hauptabsicht und 
Hauptinteresse gar nicht in charakteristischer Darstellung der uns 
umgebenden Wirklichkeit zu suchen ist, über den Eindruck einer 
solchen zu erheben und eine höhere Stimmung zu begünstigen. 
Und wenn eine anthropologische Wlahrscheinlichkeit besteht, dass 
die gemeinen Juden vor Alters doch wie die Mauschels von heute 
ausgesehen haben, so hat sich nach einer schon früher (S. 64) ge- 
machten Bemerkung der Künstler nicht um die wissenschaftliche, 
sondern um die herrschende Vorstellung derer, auf die er zu wir- 
ken hat, zu kümmern. 
Aber mit all' dem sind die Nachtheile solcher Idealisirung 
nicht gehoben, nur durch Vortheile überboten; und man braucht 
nur so ins Bodenlose mit der Idealisirung zu gehen, als man oft 
gegangen sieht, so überwinden die Nachtheile und nimmt die höhere 
Stimmung, die man etwa noch dadurch erweckt linden kann, den 
Charakter einer solchen an, wie sie durch eine Rede in schönen 
Phrasen erweckt wird, so lange man dem Sinne nicht auf den 
Grund geht. 
Hier, wie überall, wo ästhetische Vortheile und Nachtheile 
mit einander streiten, lässt sich eine feste Gränze des Rechten 
nicht ziehen,  immer wieder haben wir hierauf zurückzukom- 
men  und muss man eine gewisse Breite zugestehen. Kann ich 
nun meinen Geschmack, der in der heutigen idealistischen Kunst, 
Alles in Allem genommen, zu viel nach dem einen Extrem nei- 
gende Schablone findet, nicht Andern aufdringen wollen, so dürf- 
ten doch mit Vorigem die Vortheile und Nachtheile, die man hiebei 
abzuwägen hat, richtig bezeichnet sein; mag man sie immerhin in 
Würdigung der heutigen Kunstleistungen anders abwägen, als 
meiner eigenen Empfindung entspricht. 
Nun aber geht man mit der Idealisirung oft sogar in Gebiete
        

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