Volltext: Vorschule der Aesthetik (Theil 2)

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und daher theils Aufgaben vorziehen, die ihrer Natur nach Anlass 
geben, eine solche im Bilde hervorzubringen, rücksichtslos 0b die 
Aufgabe und Ausführung sonst interessirl, theils auch in NVider- 
Spruch mit, der Natur der Aufgabe solche anbringen; wogegen 
andre mehr als billig den VorLheil derselben vernachlässigen, und 
alles Gewicht vielmehr auf die Coinposition legen. Diess begrün- 
det den Gegensatz der sog. Coloristen und Componisten. Derselbe 
Gegensatz findet unter den Beschauern statt, sofern die einen sich 
verhältnissmässig mehr um das Colorit, die andern um die Compo- 
siLion kümmern. Beides sind Einseiligkeiten, doch ist die Ein- 
seitigkeil; der Coloristen verwerüicher als die der Gomponislen; 
denn eine Composition kann selbst in farblosen Umrissen noch 
grosses Verdienst haben; aber nicht umgekehrt die Farbe ohne 
Composition. 
Es (lürfle nicht ohne Interesse sein, aus den, in weiterer Ausdehnung 
nachzulesenden, Stilregelnßvelehe Marggraf in F. und K. Kunstbl. 4 S44 bezüg- 
lich des Colorits giebt, folgende, als aus den Werken von Giorgione, Paolo 
Veronese, Tizian, Gallait u. a. abstrahirbar, besonders ausgehoben zu Enden  
nBei Anwendung der stärksten, nachdrücklichsten und brillantesten Far- 
bencontraste ist die harmonische Haltung des Ganzen so entschieden ausge- 
sprochen, dass nirgends eine einzelne Farbe oder ein einzelner Liehteffect 
überwiegend vor-herrscht, indem die einzelnen Farben- und Lichteffecte auf 
eine solche Art angebracht sind, dass ihnen auf der entgegengesetzten Seite 
des Bildes vom Mittelpuncte aus gleiche Farben und gleiche Lichtelfecte ent- 
sprechen, wodurch alle störenden, harten und einseitigen Gegensätze aufge- 
hoben und ins Gleichgewicht gestellt werden. Dabei bewegen sich die Nach- 
harfarben meist in vollkommenen Gegensätzen, indem eine durch die andere 
gehoben und zuletzt dennoch im Ganzen die vollendetste Harmonie erreicht 
wird. S0 sehen wir neben dem kälteren Blau und Blaugrün, Grün und Violet, 
das wärmere Gelb oder Roth, neben dem Roth und selbst neben tiefschwar- 
zen Farben das Weiss erscheinen, nicht um selbstgefällig für sich zu herr- 
schen , sondern die benachbarte Localfarbe um so entschiedener wirken zu 
lassen, während durch eine dritte Farbe, die ihrer Eigenschaft und Wirkung 
nach in der Mitte zwischen beiden steht, das hiedurch gewissermassen auf-- 
gehobene Gleichgewicht ohne Zwang wieder hergestellt wird", u. s. w. 
Der Verf. erläutert diese Regeln an Beispielen aus den Werken der ge- 
nannten Meister, vergisst aber nicht, zu erinnern, dass der Sehematismus, 
den sie begründen, keineswegs als mechanisch streng bindend anzusehen 
sei, indem überall der Geist es sei, welcher lebendig mache. 
Recht bezeichnend für den Eindruck, den ein Werk von guter coloristi- 
scher Haltung auf solche zu machen vermag, die überhaupt für den Reiz der- 
selben empfänglich sind, ist, was ein ungenannter Recensent in einer Beur- 
theiiung von Lessings niluss vor dem Scheiterhaufenu sagt;
	        
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