Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1362295
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1363607
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lassen; aber auch nicht viel verschiedener, um die wohlthuende 
Annäherung an die Symmetrie nicht ganz zu zerstören. Nun aber 
trägt zum stilistischen Leben und hiemit Reize des Ganzen bei, 
dass der heilige Sixtus von seinem etwas Liefern Stande in an- 
dachtsvoller Erhebung aufwärts, die heilige Barbara von ihrem 
etwas höheren Stande in demüthiger Abwendung von dem Glanze 
der himmlischen Erscheinung abwärts blickt, indess die Madonna 
über beiden und zwischen beiden gerade durchhlickt, das Christ- 
kind aber etwas seitlich blickt, Alles durch die Natur der Aufgabe 
vielmehr zugelassen als gefodert. 
Eine Durchführung desselben Princips lebendig durchbroche- 
ner Symmetrie kann man in dem Holbeinschen Madonnenbilde 
finden. In der That auch hier ist die Hauptanordnung symmetrisch 
in Beziehung zur Hauptfigur; aber die sechs Nebeniiguren, je drei 
zu jeder Seite, verschieben sich so gegen einander und zeigen eine 
solche Mannichfaltigkeit in Wendung ihrer Figuren und nament- 
lich Köpfe, dass dadurch dem Bedürfniss einer lebensvollen Man- 
nichfaltigkeit in vollem Masse genügt wird. Und auch hier dürfte 
man nicht viel daran ändern, etwa die drei weiblichen Figuren in 
eine Reihe rücken, oder die mittelste eben dahin sehen lassen, wo- 
hin die beiden andern sehen, oder die geneigte Stellung der mit- 
telsten männlichen Figur gegen die beiden anderen aufgeben, sollte 
nicht dem Reize der Gruppirung durch die verminderte Mannich- 
faltigkeit wesentlicher Abbruch geschehen. Nur ist hier nicht eben 
so wie in der Sixtina mit dem stilistischen Vortheil der Mannich- 
faltigkeit zugleich der einheitliche ideelle Eindruck gewahrt, indem 
mehrere Figuren sich um andre Dinge als den Gegenstand der 
Andacht zu kümmern scheinen, während in der Sixtina die ganz 
verschiedenen Weisen, wie sich der heilige Sixtus und die heilige 
Barbara benehmen, nur zwei durch den verschiedenen Charakter 
der Persönlichkeiten modulirte Ausdrucksweisen andiichtigei- Ver- 
ehrung desselben Gegenstandes sind. In dem Holbeidschen Bilde 
ein Auseinanderfallen, in dem RaphaePschen ein Auseinander- 
spannen.  
Um den stilistischen Vortheil der Vermannichfachung der 
Stellungen und Wendungen überhaupt schätzen zu lernen, braucht 
man nur den vorigen Bildern gegenüber so viele altdeutsche, z. B. 
Cranaehkche Votivbilder zu betrachten, wo die Glieder der Stifter- 
lamilie orgelpfeifenartig mit gleicher Wendung der Köpfe, gleichem
        

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