Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359184
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1360400
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ohne dass wir ein absolutes Kriterium für äussre Wahrheit 
haben. 
Hienach hängt an unserm Principe das Gefallen, was wir an der 
Erkenntniss innerer und äusserer Wahrheit abgesehen von der 
Beschaffenheit des Inhaltes und dem Nutzen der Wahrheit haben, 
und das Missfallen, was wir an Unwahrheit und Lüge abgesehen 
von der Beschaffenheit des Inhaltes und den üblen Folgen der 
Lüge haben. Diess können wir als formale Seite des Gefallens 
und Missfallens an der Wahrheit und Unwahrheit bezeichnen. 
Indem uns aber etwas auch abgesehen davon, ob es Wahr 
oder unwahr ist, nach der Beschaffenheit seines "Inhaltes gefallen 
oder missfallen kann, und die Wahrheit allgemeingesprochen auch 
nützliche, die Unwahrheit schädliche Folgen hat, oder in einen 
wohlgefälligen oder missfälligen Zusammenhang eintritt, kann 
durch das Bewusstsein davon das Gefallenund Missfallen am 
Wahren und Unwahren mitbestimmt werden, was wir als sach- 
liche Seite des Gefallens und Missfallens daran bezeichnen können, 
die jedoch eigentlich nicht sowohl die Wahrheit und Unwahrheit 
selbst, als das, worin sie sich äussert und was aus ihr folgt, an? 
geht, insofern unter andre Principe tritt. 
Die formale Seite des Gefallens an der Wahrheit reicht schon 
für sich allein hin, ohne desshalb überall das allein Wirksame zu 
sein, in der Wissenschaft die Wahrheit suchen und in der Kunst 
die Wahrheit der Darstellung federn zu lassen, daher wir in der 
Wissenschaft nicht eher ruhen, als bis sich von keiner Seite mehr 
ein Widerspruch zwischen zwei Vorstellungen oder Vorstellungs- 
zusammenhängen findet, und nur von Kunstwerken befriedigt 
sind, welche erstens den Foderungen innerer Wahrheit genügen, 
wonach nichts Einzelnes der Idee, die das Ganze erweckt, oder, 
was damit wenn nicht zusammenfällt aber zusammenhängt, kein 
Theil der Vorstellungen, welche die Gesammtheit der übrigen er- 
weckt, widersprechen darf, zweitens den Foderungen äusserer 
Wahrheit so weit genügen, als wir Anlass finden, eine Ueberein- 
Stimmung der Kunstwerke mit äussern Gegenständen nach Idee 
oder Zweck derselben vorauszusetzen. Insofern jedoch diess in 
der Musik gar nicht, in der bildenden Kunst nur in beschränktem 
"Grade der Fall ist, wird auch die mangelnde Uebereinstimmung 
eines Kunstwerkes mit der äussern Wirklichkeit nicht allgemein 
missfällig sein. Auch kann man Betrachtungen darüber anstellen, 
Wie weit Abweichungen von der äussern Wahrheit in gegebenen 
69?
        

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