Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359184
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1360388
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Vorstellung gehegt werden, Welcher die von directer Erfahrung 
abhängige Vorstellung widerspricht. S0 können historische An- 
gaben unter einander, oder historische Angaben mit Bückschlüssen 
aus Thatsachen, oder theoretische Folgerungen unter einander oder 
mit beobachteten Thatsachen in Widerspruch oder Einstimmung 
stehen.   
Nun kann es sein, dass solche Anlässe widersprechenden" Vor- 
stellungen zu verschiedenen Zeiten eintreten und wir, indem wir 
einmal dem einen, das andremal dem anderen Anlasse nachgeben, 
des Widerspruches gar nicht gewahr werden. Z. B. wir lesen 
heute die Nachricht, dass zur Zeit eines historischen Datums die 
Sonne verfinstert gewesen sei, ein Jahr darauf die Nachricht, dass 
sie während der Zeit soll geschienen haben, ohne beide Angaben 
an einander zu halten. Oder wir lesen heute in der Bibel, dass 
der Mensch in Gott lebe, webe und sei, und finden ein andermal 
wieder Anlass, uns Gott gegenüberzustellen, wie ein Mensch dem 
andern gegenübersteht. Wo nun der Widerspruch nicht wahrge- 
nommen wird, weil die Erinnerung keine Brücke zwischen den 
widersprechenden Vorstellungen schlägt, fehlt auch der Anlass -zur 
Unlust und ist der Widerspruch ästhetisch gleichgültig; die Unlust 
tritt aber um so leichter über die Schwelle, je mehr sich bei der 
einen Vorstellung die Erinnerung an die widersprechende geltend 
macht. 
Eben so wenig als das Dasein eines YViderspruches überall 
Unlust erweckt, weckt die Einstimmigkeit der Vorstellungen über- 
all Lust. Zu sehen, dass ein Planet zu gewisser Zeit einen gewissen 
Ort einnimmt, enthält keinen Widerspruch; aber auch wenn wir 
uns bewusst werden, dass hier kein Widerspruch liegt, liegt darin 
noch kein Anlass zur Lust; wohl aber, wenn wir uns bewusst 
werden, dass sein beobachteter Stand mit seinem berechneten 
übereinstimmt, oder zwei von verschiedenen Seiten darüber ge- 
führte Rechnungen znsammenstimmen. Und so gehört überall das 
Bewusstsein der Möglichkeit eines Widerspruches oder die wirk- 
liche Lösung eines solchen zwischen zwei von verschiedenen Sei- 
ten sich darbietenden Vorstellungen dazu, um Lust an ihrer Ueber- 
einstimmung zu begründen. 
Die Uebereinstimmung wie der Widerstreit zweier Vor- 
stellungen oder Vorstellungskreise kann mehr oder weniger tief in 
unser übriges Erkenntnissgebiet eingreifen, indem dadurch eine 
Fechner, Vorschule d. Aesthetik.  3 .6
        

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