Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorschule der Aesthetik
Person:
Fechner, Gustav Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1359184
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1360365
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fühle gehörige Bemerkungen, zu welchen die grosse Rolle, welche wir die 
regelmässige Periode mit dem sich ihr unterordnendem Tacte bei activen wie 
receptiven Beschäftigungen spielen sehen, wohl Anlass geben kann. 
Voraussetzlich beruhen Licht- wie Toneindrücke auf Schwingungen in 
unserm Nervensysteme und hienaeh können wir selbst die Wohlgefälligkeit 
einer rein gleichförmigen Farbentläche , wie eines rein ausgehaltenen Tones 
auf das Prineip übereinstimmender periodischer Bewegung zurückführen, 
sofern erstenfalls alle Theilchen unsrer Netzhaut in dieselbe periodische Be- 
wegung versetzt, letzternfalls die Theilchen des Gehörnerven fortgehends in 
solcher erhalten werden. Weiter könnten wir uns hienach denken, dass 
jedes wohlgefällige Farbenmuster und Tonstiick uns nur durch zusammen- 
gesetztere aber commensurable Periodicitätsverhältnisse f) der Nerven- 
schwingungen gefalle, endlich, die Hypothese noch mehr erweiternd und 
sfeigernd, denken, dass alle Empfindungen und Bewusstseinsthätigkeiten 
überhaupt auf Schwingungen in unsern Nerven beruhen , und alle Lust und 
Unlust darauf, dass sich die Schwingungen in einfacherer oder zusammenge- 
setzterer Periode über eine gewisse Gränze hinaus der vollen Zusammen- 
slimrnung in commensurabeln Verhältnissen nähern oder entziehen. Es ist 
sehr möglich und meines Erachtens selbst wahrscheinlich, dass etwas der 
Art statt finde, tritt auch wesentlich in eine, anderwärts von mir ausgespro- 
chene, nur noch etwas mehr verallgemeinerte. Hypothese hinein (vergl. 
S. 42) ; aber einmal ist es doch bis jetzt nur eine Hypothese, welche die Be- 
zugnahme auf thatsächliche Verhältnisse und Gesetze, so weit sich solche 
finden lassen, weder ersetzen kann noch verwirren darf; zweitens würde sie 
noch einer genaueren Präcisirung bedürfen, um in exacte Betrachtungen ein- 
zutreten und an die Erfahrungen gehalten zu werden; endlich ist es eben nur 
eine Hypothese der innern Psychophysik, von welcher nach schon früher 
gemachter Bemerkung in unserer Aesihetik nach der Beschränkung, in der 
wir sie hier fassen, kein Gebrauch zu machen; sofern sich's in dieser eben 
nicht um die Verhältnisse unsrer Empfindungen zu den körperlichen Thätig- 
keiten handelt, welche den Empfindungen in unsern Nerven unterliegen, 
sondern (mit Ueberspringung dieses uns unbekannten Zwischengliedes) um 
Verhältnisse der Empfindungen zu den Einwirkungen der Aussenwelt, so 
weit Lust und Unlust dabei betheiligt sind; wonach die Aesthetik von That- 
sachen der ausseren Psychophysik aus vielmehr ins rein psychologische als 
innerlich psychophysische Gebiet überführt. 
In der Wissenschaft beruht auf unserm Princip die formale 
(vom sachlichen Inhalt der wissenschaftlichen Betrachtung unab- 
hängige) Freude, die wir daran iinden, einheitliche Gesichtspuncte 
 Die hier kurz als commensurabel bezeichneten Perioden können ihrer 
Grösse nach von einander abweichen, müssen aber so in einer grössern Pe- 
riode aufgehen, dass sie nach jedem Ablauf derselben immer wieder in der- 
selben Phase als beim Anfang derselben zusammentrelfen und denselben zu- 
sammengeselzten Ablauf von da ab wiederholen.
        

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